Zurück in die Zivilisation

Written by Esther on Mittwoch September 14, 2016 - Permalink -

Ohne Verkleidung fahre ich weiter auf einem Feldweg in ein einsames Tal. Hier könnte mich ohnehin niemand mitnehmen, ich sehe weder Autos, noch Schafe oder Reiter. Nach dem nächsten Ort wird es wieder sandiger. Durch einen falschen Abzweig komme ich zunächst direkt an den See, was kein schlechter Umweg ist, so kann ich in einem kleinen Fluss meine Wäsche waschen und finde durch die Steppe wieder zurück auf meinen Weg. In den nächsten beiden Tagen kämpfe ich mich wieder durch einiges an Sand, aber die Straße ist nah! Als ich den letzten Pass vor Tosontsengel hinaufschiebe ist es beinahe geschafft! Doch als ich in Tosontsengel ankomme, sieht es so gar nicht nach Asphalt aus - sandige Straßen und menschenleer. Ich brauche unbedingt einen Bankautomaten, ich habe meine gesamten Tugrik ausgegeben und Euro eingetauscht, weil ich seit Bayan Ulgii keinen finden konnte. So frage ich einen Motorradfahrer nach einem Bankautomaten, und er zeigt mir den Weg ins Stadtzentrum. Und tatsächlich gibt es hier eine asphaltierte Straße, Bankautomaten und einen Supermarkt, wo ich sogar Bananen bekomme - frisches Obst und Gemüse waren bisher nur schwer zu finden! Heute ist mein Glückstag! Begeistert fahre ich auf der Asphaltstraße ein wunderschönes Flusstal entlang, und habe das Gefühl unbesiegbar zu sein. Nach 2 Wochen Plackerei bin ich endlich auf der Straße nach Ulaanbaatar angekommen! Ich habe alles verschenkt, was ich nicht gebraucht habe und bin gefahren, bis mir Geld und Proviant ausging. So viele Dinge, die es in Deutschland überall gibt, sind hier nicht zu bekommen und auf einer Strecke von vielleicht 800km habe ich kein Hotel und keine Dusche gesehen. Und nie hatte ich das Gefühl dass mir irgendetwas fehlt, solange ich die saubere Luft atmen und in die Weite blicken kann. Und vermutlich werde ich nie wieder so durchtrainiert sein wie nach der ganzen Schieberei.
Nach 35km im Rausch endet der Asphalt plötzlich wieder. Miserable Schotterpiste mit Erdwällen zwingt mich wieder durch Sand zu schieben! Das kann nicht sein! Ich frage einen Autofahrer in wieviel Kilometern die Straße weitergeht, und er sagt, dass es in einem Kilometer besser ist. 5 Kilometer weiter im nächsten Ort frage ich wieder, diesmal scheint es wirklich nur noch ein Kilometer zu sein, und dann stehe ich vor der Brücke, ab der es weitergeht! Geschafft!
Lange fahre ich am nächsten Tag einen Pass hinauf, der letzte hohe Pass mit 2500m. Erst abends spät erreiche ich den Pass, auf dem wie üblich ein Haufen aus Steinen und Stöcken mit vorwiegend blauen Tüchern geschmückt ist. Ich freue mich auf die Abfahrt, als ich am Abend kurz hinter dem Pass zelte. Am nächsten Morgen wache ich in einer Pfütze bei 0°C und Schneeregen auf. Wenn man einmal die kleine Senke nutzt, weil dort keine Steine liegen... ich ziehe erstmal das Zelt aus dem Wasser und verkrieche mich schnell wieder in meinem Schlafsack. Es ist bitterkalt, und meine Schuhe sind nass. Ich bleibe noch eine Weile im Schlafsack liegen, bis ich einen Plan habe, was ich alles anziehen kann. Und so mache ich mich gegen Mittag mit Mülltüten in den Schuhen und einem paar Socken als 2. Schicht Handschuhe an die Abfahrt im Regen. Es sieht nicht danach aus, dass der Regen allzu bald aufhört. Als ich in einem kleinen Cafe Pause mache, um mich aufzuwärmen, kommt vollkommen unerwartet ein französischer Radfahrer hereinspaziert! Er hat kurz vor dem Pass gezeltet und mich gerade eingeholt! Gemeinsam mit Theo fahre ich an diesem Tag bei 4°C durch den Regen, und weil es auch abends immer noch nicht besser aussieht, übernachte ich auch in dem Gasthaus, von dem er am nächsten Tag eine geführte Pferdetour zu einem Vulkan machen will. Dort lernen wir Monika und Przemek aus Polen kennen, die per Anhalter durch die Mongolei reisen und mit denen ich mich in Ulaanbaatar verabrede. Da ich meinem Zeitplan weit hinterherfahre, fahre ich am nächsten Morgen allein weiter. Neuerdings kommen mir einige Touristen entgegen, darunter auch 3 Franzosen, 2 mit Tandem und einer mit normalem Rad, die schon seit über 2 Jahren unterwegs sind.
Weil ich immer noch nicht sicher weiß, ob jemand für mich Geld an mein Reisebüro überwiesen hat und mein Chinavisum verschickt wurde, lade ich in der nächsten Stadt Geld auf meine mongolische Simkarte und versuche meine Eltern zu erreichen. Aber ich kann nicht nach Deutschland telefonieren! Da es langsam wirklich dringend wird, und Zeno, den ich bisher anrufen konnte, gerade in Moskau ist, frage ich in einem Geschäft um Hilfe. Ein junger Mann, der gar nicht dort arbeitet ist zum Glück so nett und findet für mich heraus, dass ich wenn ich nach Deutschland telefonieren will die 00249 als Vorwahl wählen muss! Vermutlich gilt das nur nicht für Zenos Handy, weil er so eine seltsame Internetgeschichte als Anbieter hat. Ich bin so froh, dass ich den armen Kerl erstmal umarme! Nachdem meine Eltern sich (Danke nochmal) darum gekümmert haben das Geld für mich zu überweisen - durch den Verlust meiner Simkarte wäre mir das auch wenn ich irgendwo Wifi gefunden hätte nicht möglich gewesen - gibt es dann nur noch das Problem mit der Adresse: Es ist nicht möglich den Pass an das Postfach meiner Gastfamilie zu schicken. Während ich nach einer Lösung suche, holt mich Theo wieder ein, weil ich an diesem Tag mit Magen-Darm-Poblemen schlecht voran komme. Und er hat ein Paket an sein Hostel schicken lassen! Also gebe ich die Adresse meinem Reisebüro, und überlege mir, während wir noch 3 Tage zusammen bis Ulaanbaatar fahren, dort zu probieren, meinen Aufenthalt in der Mongolei zu verlängern. Belgische Radfahrer haben mir auf dem Weg erzählt, dass dies sehr einfach sei. Am 09.09. kommen wir schließlich mittags in Ulaanbaatar an, wo wir uns verabschieden. Theo geht zur chinesischen Botschaft, um sich um sein Visum zu kümmern, ich fahre direkt zum Flughafen, wo sich das Immigration Office befinden soll. Ich finde es problemfrei ohne GPS und eine Stunde später halte ich meinen Pass mit zusätzlichen 8 Tagen (ich hatte 7 beantragt) in den Händen. Jetzt muss ich nur noch meine Gastfamilie finden. Die Frau von jemandem, der Mal mit mir im selben Russischkurs war, hat eine Bekannte, deren Famlie in Ulaanbaatar lebt. Und bei genau dieser Familie komme ich hier unter. Nach einer Tour durch Ulaanbaatar finde ich auch schließlich diese Adresse und treffe Sosor und Zeren, die meine Großeltern sein könnten, ihren Sohn Bogi und die beiden Enkel. Ulaanbaatar als Stadt ist nicht halb so schlimm, wie mir entgegnkommende Touristen erzählt haben, genau genommen im Vergleich zu den Städten in Russland geradezu schön. 5 Tage verbringe ich hier,  kaufe einen neuen Helm und Schuhe und einige andere Dinge und hole meinen Pass mit dem Chinavisum in Theos Hostel ab. Leider hatte er kein Glück mit seinem Visum - die chinesische Botschaft in Ulaanbaatar gibt seit ein paar Tagen überhaupt keine Visa für Nicht-Mongolen mehr aus. Er vermutet einen Zusammenhang mit dem G20-Gipfel und dem Konflikt im südchinesischen Meer. Als ich mich auf die Suche nach einer Reparaturmöglichkeit für meinen mittlerweile an 5 Stellen gebrochenen Lowrider (vorderer Gepäckträger) begebe, finde ich sogar durch den Tipp von einem Mitarbeiter in einem Fahrradgeschäft eine deutsch-mongolisch technische Schule, wo mir jemand, weil ich von so weit mit dem Fahrrad gekommen bin, sogar umsonst einen fast vollständig neuen Vordergepäckträger schweißt - diesmal aus Stahl. Das ist besser als alles, was ich erwartet hätte. Morgen früh will ich mit einer leichten Erkältung weiter nach China aufbrechen - nach ein paar Tagen Stadt bekomme ich immer das Gefühl, weiter zu müssen, ich brauche wieder frische Luft!