Welcome to China!

Written by Esther on Donnerstag Oktober 6, 2016 - Permalink -

In Erenhot ist plötzlich alles sauber und geordnet. Elektroroller und kleine dreirädrige Transporter sind hier auf dem breiten Seitenstreifen der Straße unterwegs. Ich suche mir erst einmal ein kleines Hotel und schlafe mich aus, um mich am nächsten Tag wie üblich um das Nötigste zu kümmern: Einen chinesischen Autoatlas, neues Flickzeug und eine chinesische Simkarte. Es ist garnicht so einfach, hier Geschäfte zu finden. Die Stadtstruktur ist hier quadratisch praktisch gut, aber wenig intuitiv. Zudem verraten die trüben Schaufenster oft nichts über die Art des Geschäfts. Also frage ich mich an diesem Tag eifrig durch. Flickzeug bekomme ich keines, dafüreine geschenkte Karte und auch einen Autoatlas. Für die Simkarte muss ich 2 Stunden warten und meinen Pass vorlegen, um später festzustellen, dass ich damit nicht nach Deutchland telefonieren kann, weil sie nicht für internationale Telefonate freigeschaltet ist. Wenigstens kann ich so mit Karo Kontakt aufnehmen, die ich in Peking treffen will und finde den Weg dorthin.
Mein neues Kartenmaterial stellt mich jetzt vor eine neue Herausforderung - es hat wie die Schilder hier keine Pinyinunterschrift, die mir die Aussprache verrät. So passiert es mir in den ersten Tagen nun mehrmals, dass ich mir die Aussprache eines Zeichens falsch notiert oder falsch gemerkt habe und mich den ganzen Tag frage, warum die Leute nicht verstehen, wo ich hin will. Durch zeigen auf der Karte finde ich den Weg natürlich trotzdem. Hier sind die Straßen perfekt und neu ausgebaut, teils zweispurig mit Seitenstreifen, und haben kaum Verkehr. Endlose Zäune säumen den Straßenrand, was mich schon zu der Überlegung führt, mir bei Gelegenheit eine Zange zu kaufen, mit der ich Draht schneiden kann. Irgendwo finde ich aber immer eine Stelle, an dem der Zaun unterbrochen ist, wenn ich abends einen Zeltplatz suche. Von dem Gefühl der endlosen Weite ist hier in der inneren Mongolei nichts mehr zu spüren. Überall sind nagelneue Denkmäler oder Kunstwerke gebaut worden und es gibt große leere Plätze. Diese Orte haben hier nichts Magisches, sondern sind leer und hohl. Hinter Erenhot zelte ich in einem Windpark mit riesigen Dinosaurierskulpturen. Im Abendrot wirken sie beinahe lebendig. Ein anderes Mal komme ich an einem künstlichen Mauerabschnitt vorbei, der aussieht wie Playmobil, sogar die Felsen und kleine Teiche sind hier künstlich erschaffen worden. Nicht einen Touristen sehe ich in der riesigen parkähnlichen Anlage, und ich beginne mich zu fragen für wen und von wessen Geld all dies geschaffen wurde. Ich komme durch kleine abgelegene Orte mit Arbeitslagercharakter, die in Wirklichkeit Lehmziegelfabriken sind, während an anderer Stelle am Straßenrand hinter teils doppeltem Stacheldraht großflächige Bepflanzungen liegen. In den Städten wurden vermutlich in den letzten 10 Jahren riesige moderne Gebäude hochgezogen, aber viele der Schaufenster sind leer. In dieser geradezu gespenstischen Atmosphäre beginne ich mir vorzustellen, eine Figur in einem dystopischen Roman zu sein, die sich auf den abgezäunten und kameraüberwachten Straßen auf der chancenlosen Flucht vor dem System befindet. Vielleicht wurde ich auch in Wirklichkeit in Russland von einem LKW überfahren, aber fahre weil ich meine Reise aber nicht aufgeben wollte in einer Geisterwelt weiter? Ich finde ich sollte unbedingt bald Karo treffen, um herauszufinden, ob ich noch in der Wirklichkeit bin!
Auch der eisige Nordwind, zunehmend schlechteres Wetter und erster Nachtfrost erinnern mich stets daran, dass es nun wirklich Herbst ist und ich zusehen sollte weiter nach Süden zu kommen. Mit der Zeit tauchen immer mehr Bäume mit bereits gelbem Laub auf und als ich mich schließlich - mittlerweile in der Provinz Hebei - direkt nördlich von Peking befinde und auf eine kleine Straße nach Süden abbiege, fahre ich eines morgens durch einen Tunnel und bin danach auf einmal in den Bergen. Ich erinnere mich nicht all das hochgefahren zu sein, aber es folgt eine beeindruckende Abfahrt, bei der ich auch einen ersten echten Teil der chinesischen Mauer passiere. Es gibt mittlerweile deutlich mehr kleine Dörfer und überall holen Leute die Ernte ein - Mais, Kohl, Kartoffeln, und das meist von Hand. Als ich wieder einmal bei einer Tankstelle Halt mache, um mein Handy aufzuladen, sprechen mich die Leute dort an, wollen ein Foto mit mir machen und verabschieden mich mit den Worten: "Welcome to China!" Hier habe ich wirklich zum ersten Mal das Gefühl in China zu sein, endlich gibt es wieder schmutzige kleine Dörfer und Menschen auf den Feldern und es wird jetzt sogar wieder deutlich wärmer.
2 Tage lang fahre ich so durch die Berge, die hier genau so sind, wie ich es mir in China vorgestellt habe. Als ich die Grenze zur Provinz Beijing - Peking - passiere, lande ich auf einer Serpentinenstrecke um einen großen Stausee, der sehr wenig Wasser führt, und von der anderen Seite des Sees klingt melancholische Klaviermusik herüber. Ich umrunde beinahe einmal den See, weil ich zur Staumauer hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf auf einen Pass serpentiniere und die ganze Strcke ist angelegt wie ein einziger Park. Viele Ausflügler aus Peking sind hier unterwegs, auch Rennradfahrer. Wieder passiere ich bei der Abfahrt ins Tal einen Mauerabschnitt, der von einem Fluss durchbrochen wird. Hier ist er gut restauriert und erstreckt sich weit über die Bergrücken. Während ich einiges bergauf und bergab fahre wird es immer bergiger und nebliger. Ich beginne ein Kratzen in der Lunge zu verspüren, das sich nach einem Regenguss wieder legt und vermute den Pekinger Smog hinter alledem.
Weil ich mich mit meiner hemaligen Mitbewohnerin Karo in einem kleinen Dorf in der Nähe eines abglegenen Mauerabschnittes verabredet habe, fahr ich nicht direkt nach Beijing, sondern einen kleinen Umweg. Sie ist von Norkorea über Land nach China gereist und verbringt die letzten Tage noch in Beijing. Wegen der ganzen Berge verspäte ich mich etwa einen Tag und lande schließlich in einem Ort, wo es nicht mehr weitergeht. Der Weg führt zwar zu einer Seilbahn, die die Touristen hoch auf die Mauer bringt, aber ab dort gehen nur Treppen weiter. Weil weder Karo noch ich eine Karte besitzen auf der diese kleinen Orte und Straßen eingezeichnet sind, und wir uns beim Verabreden anhand der Mauer orientiert haben, konnten wir das nicht wissen. Weil ich in dem Moment wirklich keine Lust habe wieder bergab und einen Umweg von 80km zu fahren, beschließe ich, mein Fahrrad in einem Gasthaus zu parken und die 10km über die Mauer zu Karo zu wandern. Die Dame am Ticketschalter ist zwar der Meinung das sei viel zu gefährlich, dort gebe es lose Steine und der Weg würde 4 Stunden dauern - es ist nachmittags um 3 und um 6 wird es dunkel - aber da ich es ja bereits kenne, dass mir ständig Leute erzählen etwas sei nicht möglich und dann geht es doch gehe ich trotzdem los und verabrede mich mit Karo auf der Mauer. Der Treppenaufstieg zur Mauer - ich fahre nicht mit der Seilbahn - und der Weg auf der Mauer den Bergrücken hinauf lassen mich unter den Blicken der hinabkommnden Touristen den Berg hinaufschnaufen. Natürlich gehe ich so schnell wie möglich, da ich nicht recht einschätzen kann wie lange es dauern wird. Ich klettere über eine Mauer um auf den nicht für Touristen vorgesehenen Abschnitt zu gelangen und passiere das Schild "Danger, no visitors", ab dem Bäume auf der Mauer wachsen, durch die ein Pfad hindurchführt und es teilweise 10 bis 20 Meter an der Seite des Weges ungesichert bergab geht. Die Tatsache dass mir aber immer noch ein paar Wanderer entgegenkommen bestätigt mir, dass es weitergeht. Schließlich führt der Pfad ein Stück weit hinab von der Mauer und durch den Wald. Und auf einmal höre ich die Mauer meinen Namen rufen - nein, das muss natürlich Karo sein! Der Pfad führt wieder hinauf zur Mauer und als ich oben ankomme treffe ich tatsächlich Karo in China auf der chinesischen Mauer! ((: Wir wandern noch hinab zu einem kleinen Dorf, wo wir sehr lecker zu Abnd essen und es sogar eine richtige Dusche gibt, was hier in China wohl normal ist. Am nächsten Morgen wandern wir dann über die Mauer zurück. Mittags ist auf dem Touristenabschnitt die Hölle los, es ist sehr schwül, und wir machen uns zügig auf den Weg nach Beijing, ich mit dem Rad und Karo mit dem Bus. Die Einfahrt nach Bijing ist unerwartet gut, ich komme aus dem Norden von einer kleinen Straße und bereits vor dem eigentlichen Stadtgebiet beginnt eine breite Radstraße neben der größeren Straße für die Autos. Auch in der Stadt selbst gibt es überall solche von der Straße abgetrennten Radstreifen für die langsameren Fahrzeuge wie Elektroroller und Tuktuks. Als ich das Zentrum erreiche, wird es bereits dunkel. Schnell mache ich noch ein Beweisfoto mit Mao und begebe mich auf die Suche nach dem Hostel. Die Straßenpolizei ist hier besonders wenig hilfsbereit, einmal schaut einer erst gar nicht auf den Zettel mit der Adresse des Hostels, sondern sagt gleich, er wisse nicht wo das sei, ein anderes Mal erzählt mir ein Polizist, den Ort gebe es hier nicht, damit ich nicht unerlaubt durch die Fußgängerzone fahre. Das Hostel finde ich am Ende trotzdem und gehe abends mit Karo Pekingente essen, bevor sie zum Flughafen fährt.

P.S.: Ich kann hier in China kein Facebook benutzen, also bitte nicht auf Facebook schreiben, sondern an meine Emailadresse eddaforfans@gmx.net, die funktioniert!