Taiyuan oder das Haus, das Verrückte macht

Written by Esther on Mittwoch November 2, 2016 - Permalink -

So fahre ich durch stinkende Luft und Smog nach Taiyuan, während kein Tag vergeht, an dem ich nicht irgendwo ein Feuerwerk in der Ferne höre und rauchend der Müll am Straßenrand und die abgeernteten Maispflanzen auf den Feldern verbrannt werden, um die Smogqualität noch nachhaltiger zu sichern. Dort begebe ich mich zum Public Security Bureau, um mich einer neuen Herausforderung zu stellen: Die Verlängerung meines China-Visums. Der Schalter für Ausländer hat natürlich erst einmal Mittagspause bis um 3 und als ich wiederkomme, wird mir erklärt, dass es 10 Tage dauert, mein Visum in Taiyuan zu verlängern! 10 Tage! Bis dahin ist mein Visum sogar abgelaufen, was aber kein Problem zu sein scheint. Als ich nachfrage, ob es nicht irgendwie schneller möglich ist, scheint das dann auf einmal doch in 3 Tagen machbar zu sein. Zuerst muss ich aber ein Registrierungsformular von einem Hotel vorlegen. Das sollte doch ein Leichtes sein, denke ich mir, und ziehe los. Weil es bei dem günstigen Hotel um die Ecke nicht möglich ist, eines zu bekommen und ich keine 50-80€ für eine Hotelübernachtung bezahlen will, besteche ich ein Businesshotel mit 100 Yuan, um mir nur dieses Formular auszustellen und eile zurück zum Polizeibüro. Die Dame am Schalter scheint mit der Hotelquittung aber nicht zufrieden und zeigt mir, wie das Formular aussehen sollte. Also wieder zurück zum Hotel, das sich noch die Mühe macht mit der Polizei zu telefonieren, aber mir schließlich meine 100 Yuan zurückgibt, weil sie dieses Formular scheinbar nicht haben. Vielleicht muss es doch das teurere 80€-Hotel sein? Diesmal schaffe ich es dort immerhin eine der dort angestellten Porzellanpüppchen dazu zu bringen, mit mir nach dem richtigen Formular zu suchen. Sie druckt mir schließlich in einem Copyshop genau den Zettel aus, den mir die Polizistin gezeigt hat, und weil wir uns nicht sicher sind, ob das Hotel oder die Polizei ihren Stempel darauf setzen muss, will sie noch beim Polizeibüro nachfragen - die haben mittlerweile Feierabend. Weil heute sowieso nichts mehr aus dem Visaantrag wird, mache ich mir noch die Mühe, in diversen Nobelhotels nach dem Formular zu fragen, aber alle scheinen nur eines zu haben, das etwas anders aussieht, aber immerhin keine Quittung ist. Danach will ich mir ein kleines günstiges Hotel suchen, um morgen zu klären, ob solch ein Formular ausreicht, aber überall erwartet mich die gleiche Antwort: Als Ausländer kann ich dort nicht übernachten, die günstigen Hotels sind hier wohl den Chinesen vorbehalten, wenn das mal kein Rassismus ist! Am Ende lande ich Dank einem Tipp in einem großen schicken Hotel, das nach zweimaligem Nachfragen dann auch ein kleines 20€-Zimmer ohne Fenster hat und mir sogar ein Registrierungsformular ausstellt. Am nächsten morgen muss die Polizistin dann nochmal mit dem Hotel telefonieren, die meine Registrierung wohl nicht ordnungsgemäß im Internet hochgeladen haben, aber es scheint zu klappen! Als der Visaverlängerungsantrag mit Reiseplan und Passfoto komplett ist, bekomme ich einen Zettel als Passersatz und die Dame am Schalter erklärt mir, dass ich meinen Pass am 27.10. - das ist in 9 Tagen - abholen kann! Die 3 Tage, die mir gestern zugesagt wurden, scheinen hinfällig, oder aber die Datumsangabe ist nur eine Formalität. Zum Glück kann ich mir den Pass aber hinterherschicken lassen, und muss somit nicht in Taiyuan warten oder dorthin zurückfahren, und so gebe ich der Dame am Postschalter eine Vollmacht und die Adresse eines Hostels in Xi'an und kann weiterfahren (:.
2 Touristenattraktionen südlich von Taiyuan habe ich noch auf meiner Route, bevor ich mich nichts wie raus aus dem Kohlekessel an den Huanghe - den gelben Fluss - durchschlagen will: Das Familienanwesen der Familie Qiao, wo ich scheinbar der einzige westliche Tourist und somit selbst eine Touristenattraktion bin und Pingyao, eine kleine alte gut erhaltene Stadt mit Stadtmauer und lauter kleinen Gassen. Dort verbringe ich einen Nachmittag damit, mit meinem Rad durch die Gassen zu rollen, alte Tore und Hofeingänge zu bewundern, in einer christlichen Kirche dem Rosenkranzgebet auf Chinesisch zu lauschen und lande abends in den bunt leuchtenden Touristengassen mit Straßenessen bei "Charmkaiser's smell muesrum of France". Noch nie vom Charmkaiser gehört? Dann dürft ihr raten ob es sich a) um ein Synonym für einen Schleimbolzen, b) ein chinesisches Geschäft für Duftpilze oder c) eine sich zu Marketingzwecken als französisches Duftmuseum ausgebende Parfümerie handelt^^.
Weil es am nächsten Vormittag regnet, und Stadt besischtigen bei Regen sowieso keinen Spaß macht, fahre ich weiter. Meine Einschätzung, dass Regen meine Fahrt eigentlich nur verbessern kann, weil dadurch die Luft besser und der Kohlestaub weggewaschen wird, muss ich aber schnell revidieren. Der Nieselregen verwandelt den Kohlestaub auf dem Seitenstreifen in eine schwarze Paste, die mein Rad und meine Regenkleidung bei schneller Fahrt wunderbar mit schwarzem Schlamm vollspritzt. Wenn der Regen kurz nachlässt und dann wieder stärker anfängt, erzeugen die schwarzem Tropfen auf dem hell reflektierenden Wasser etwas das mir wie eine optische Halluzination erscheint, die an das Grizzelbild eines alten Fernsehers erinnert. Ansonsten ist alles scharz und grau, auch weil die Spritzwolken der LKWs mir meine Brille völlig verdrecken. Und der Nieselregen nimmt kein Ende. Als ich am 2. Tag im Regen nach einem Hotel frage sehe ich mein Gesicht in einem Spiegel und beschließe, dass ich unbedingt eines brauche - bis zur Nase ist mein Gesicht schwarz! Ich muss ziemlich mitleiderregend ausgesehen haben, als ich später Nudeln essen gegangen bin, um mich aufzuwärmen, denn der nette Koch hat mir das Essen geschenkt. Im Hotel habe ich dann erst einmal den ganzen Schlamm abgewaschen. Auch am nächsten Tag regnet es weiter, und zum Glück bemerke ich einen Platten als ich aufbrechen will, sodass ich ihn netterweise noch in der Hotellobby flicken darf. Nach 3 Tagen Dauerregen nimmt das Geniesel dann ein Ende und ich biege auf eine kleine hübsche Straße ab, ganz ohne LKWs und Kohlenstaub, die mich hinab zum Huanghe führt und ich freue mich auf eine ruhige Fahrt auf der kleinen Straße am Fluss entlang...