Sandpisten und die Schönheit von Asphalt

Written by Esther on Mittwoch September 14, 2016 - Permalink -

Sonnenuntergang einen Fluss. Deutsche haben mich bereits vorgewarnt, dass es auf der Strecke eine schwierige Flussdurchquerung gibt, wo das Wasser oberschenkeltief ist - das muss sie sein. Ein Junge auf einem Pferd beobachtet mich. Ich frage ihn durch Zeigen, wo es langgeht und wie tief das Wasser ist, und er zeigt mir eine kleine Furt, und dass es eine zweite tiefere Stelle gibt. Also ziehe ich meine Schuhe aus und versuche mein Glück. Die ersten beiden Querungen sind relativ flach, aber steinig, und barfuß verliere ich einen Moment das Gleichgewicht und mein Fahrrad kippt mir zur Seite ins Wasser. Shit. Der Junge kommt mir in Badeschlappen zu Hilfe. Da fällt mir ein dass ich ja auch ein paar alte Badelatschen dabei habe! Damit ist es bei der zweiten Furt deutlich einfacher, durch den Fluss zu waten. Und dann sehe ich die eigentliche Flussdurchquerung: Hüfttiefes Wasser, durch das man 20m gegen den Strom ankämpfen muss! Ich versuche dem Jungen zu verdeutlichen, dass das mit dem Fahrrad unmöglich ist. Als ein großer mit Heu und Leuten beladener Truck angefahren kommt, winke ich noch, aber sie nehmen mich nicht mit. Der Junge hat scheinbar eine Idee und zeigt mir einen kleinen schlammigen Trampelpfad, den man nur zu Fuß nehmen kann. Alleine hätte ich dort mein Rad nicht schieben können, aber er hilft mir und zeigt mir die Stelle, an der der Fluss am flachsten ist, und man ihn queren kann, ohne gegen die Strömung schieben zu müssen. Und am Ende steht mein Fahrrad tatsächlich auf der anderen Seite! Alleine hätte ich das nie geschafft! Ich gebe ihm den größten Schein, den ich in Tugrik besitze - die etwa 4 € die mir für die Überquerung der Wolga geschenkt wurden - er hat ihn sich absolut verdient - und mache mich ein zweites Mal mit meinen Vordertaschen durch den Fluss, während die Berge im Abendlicht leuchten.
Am nächsten Tag werden die zuweilen bis zu 10 parallelen Fahrspuren immer sandiger und wieder muss ich sehr viel schieben. Als mir 2 Fahrer eines Trucks anbieten, mich ein Stück mitzunehmen, versuche ich herauszufinden, wie sandig die Piste ist, aber die Antwort ist eindeutig. Und so fahre ich 15km mit den Beiden statt zu schieben. Weil der jüngere Mann, der nicht fährt, mir aber zu aufdringlich ist, lasse ich mich so früh wie möglich absetzen. Und beim Taschen abladen schafft es der Fahrer tatsächlich noch mich mit Zeichensprache zu fragen, ob ich Sex mit ihm haben möchte! Ich nehme ihm erstmal wütend mein Fahrrad aus der Hand, woraufhin er erschrocken wie ein Schutzzeichen die Hände über dem Kopf überkreuzt. Ich habe erstmal die Schnauze voll von den mongolischen Männern und überlege, ob mir nicht vielleicht jemand einen Zettel auf mongolisch schreiben kann auf dem geschrieben steht: Nein, ich bin wirklich nicht in die Mongolei gereist um einen Mann zu finden^^. Nur vorzugeben verheiratet zu sein, ist anscheinend nicht ausreichend.
Am Abend zelte ich in der Nähe von Jurten an einem See. Dort bekomme ich Besuch bei meinem Zelt. Und weil ich kein mongolisch spreche, setzen sich die Leute einfach auf den Boden und schauen mir zu. Aber heute zelte ich lieber, statt in ihre Jurte eingeladen zu werden. Die nächsten beiden Tage werden noch ein harter Kampf bis zur Straße. 5km steile Schotterpiste schiebe ich einen ganzen Nachmittag auf einen kleinen Pass. Weil der Gegenwind so stark ist und die Reifen durch den groben Schotter, Sand und Steine einfach keinen Halt finden, komme ich mit meiner Kraft kaum gegen die 10%-Steigung an. Oben auf dem Pass will ich gerade einen Linksabzweig einschlagen, der der Beschilderung nach zur ersehnten Straße führt, da kommt ein älterer Mann angeritten und beobachtet mich. Das hat mir gerade wirklich noch gefehlt, dass mir jemand zuschaut, wie ich mich mit dem Sand abkämpfe. Weil ich außer "Sanbainuu" - "Hallo" - nichts auf mongolisch sagen kann, erkläre ich noch, in welchen Ort ich fahre, woraufhin er mir zeigt, dass ich in eine andere Richtung entlang einemTelegraphenmast über eine Wiese fahren sollte. und genau wie er versucht hat zu zeigen, treffe ich dort wieder auf einen Weg, der mir einen atemberaubenden Ausblick über die gesamte Ebene bietet. Sogar den vielleicht 70 km entfernten großen See kann ich sehen, und den Ort, an dem die Straße beginnt! Hochmotiviert fahre ich noch ein ganzes Stück bergab, bevor ich zelte. Noch etwa 20km habe ich am nächsten Vormittag vor mir, bis ich den Ort erreiche. Immer folgt der Weg dem Telegraphenmast und je weiter ich ins Tal komme, umso tiefer werden Schotter und Sand, bis ich schließlich in der glühenden Mittagssonne bergab schieben muss. Ich bin vor lauter Schieben im Sand mittlerweile so verzweifelt, dass ich dabei überlege, in welche Liedtexte man am Besten das Wort "Sand" einbauen kann und singe lautlos "Here comes the Sand, dudelduduu..." und "Ein bisschen Sand muss sein... schon ist die Welt voll Sonnenschein...". Es wird Zeit die Straße zu erreichen^^.
Als ich endlich den Ort erreiche, reiten 2 Jungen auf Pferden vor mir und die Pferde gehen ihnen durch. Einer der beiden stürzt recht hart, aber als sein Freund nach ihm schaut, scheint er soweit ok zu sein, bis auf dass ihm sicher alles weh tut und er eine Schürfwunde auf der Stirn hat. Ich winke ihm, und packe mein Verbandszeug aus, um sie zu desinfizieren und ihm ein Pflaster zu basteln. Während ich kurz ganz damit beschäftigt bin, merke ich wie sich Leute rundum versammeln. Und als ich fertig bin und aufblicke, stehen da 10 Mädchen und schauen mich an. Ich mache erstmal ein Foto (:. Sie laufen mir noch eine Weile durch den Ort hinterher. Als ich den Ortsrand erreiche erblicke ich eine perfekt ausgebaute nagelneue Straße. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so schönen Asphalt gesehen!