Russland Teil 4 - Im sibirischen Sumpf

Written by Esther on Mittwoch September 14, 2016 - Permalink -

Nachdem ich mich vom Ural mit einer Pause an einem rieigen Badesee verabschiede, wo ich noch sehr nette Russen aus Moskau kennen lerne (die Englisch sprechen, eine Seltenheit!!), fahre ich durch ein paar kleinere Städte weiter Richtung Tcheliabinsk, und es wird diesig. Ich bin mir zunächst nicht ganz sicher, ob der Dunst von der Luftverschmutzung in den Städten kommt, doch als es auch nach Tcheliabinsk immerzu dunstig bleibt, begreife ich irgendwann, dass ich nun durch ein riesiges Sumpfgebiet fahre. Wieder einmal versuche ich dem Verkehr auf der Haupttrasse zu entkommen - doch diesmal erfolglos. Als ich abends auf einem holprigen Feldweg in einem kleinen Dorf lande, von dem aus kein Weg mehr weiterführt, muss ich umkehren. Und als ich zelte, weil es dunkel wird, werde ich von Mücken geradezu aufgefressen, nachdem ich in Panik den Sprühkopf meines Nobite verloren habe. Also mache ich mich wieder zurück auf die M51, fahre meine Nudel aus und fluche ausgiebig über die LKWs, denen ich regelmäßig ausweichen muss, weil sie immerzu trotz Gegenverkehr überholen, wofür auf der Straße einfach kaum Platz ist. Trotz des ganzen Nebels regnet es nicht, und nie bin ich so schmutzig gewesen wie hier, wo der Straßenstaub auf der Haut klebt und ich auf Feuchttücher statt baden umsteige, weil ich mich nicht den Mücken opfern möchte und die vielen Seen hier sowieso sumpfig sind. Als ich mir an einem Mittag vor Kurgan vornehme, bei einem Motel zu schauen, ob ich dort duschen kann, nachdem am Abend zuvor das auf einem Schild angekündigte Hotel sich als Cafe (ohne Dusche) entpuppt hat, spricht mich bei einem Cafe ein Busfahrer an. Ich verstehe so viel, dass er einen französischen Reiseradler gesehen hat, der jetzt in Kurgan ist, und er bietet mir an, mich dorthin mitzunehmen. Kurz habe ich einen Maxime am Telefon, den ich schlecht verstehe - und er mich mit meiner Mischung aus Französisch und Russisch vermutlich erst recht. Ich wäge noch ab, ob ich mich schon wieder mitnehmen lassen soll, aber da es hier im Nebl sowieso nicht viel zu sehen gibt und ich die Chance einen europäischen Radfahrer zu treffen, der in dieselbe Richtung fährt, nicht verpassen möchte, fahre ich die 80km bis hinter Kurgan in einem Bus mit, der nach Kasachstan gefahren und dort verkauft wird. Als ich abgesetzt werde, finde ich heraus, dass ein Kollege in einem zweiten Bus den Franzosen mitgenommen hat, und nicht Maks am Telefon perfektes Russisch gesprochen hat, sondern der andere Busfahrer. Wir sind beide total begeistert, einen anderen Radfahrer zu treffen, das Letzte was man hier erwarten würde, und beschließen zusammen bis Omsk weiterzufahren. Danach biege ich nach Süden ab, während er weiter Richtung Baikalsee fährt. Nachdem mir an diesem Nachmittag auch noch irgendein betrunkener A**** aus dem Auto sein Bier überkippt, freue ich mich endgültig einen Keks über die Dusche in einem schäbigen kleinen Hotel mit einer sehr netten "Babuschka" (Omi) und einem unfreundlichen "Administrator" (Chefin) - ein sich in Russland wiederholendes Motiv. Während Maks mit diversen Leuten Wodka trinkt, und immer wieder mal ein Stück angeheiterter ins Zimmer spaziert kommt, nutze ich die Gelegenheit, endlich über die Türkei und Georgien zu schreiben, bevor ich es noch ganz aufgebe.
Es ist gut hier im Sumpf etwas Gesellschaft zu haben. Vermutlich hätten mich die Mücken sonst in den Wahnsinn getrieben. Es ist leichter wenn einen jemand auslacht - und andersrum - während man mit hektischen Bewegungen versucht, möglichst alle "Kamare" (Moskitos) auf einmal zu erlegen. Die ersten Tage löchert mich Maks mit zunehmend schwierigen Fragen - "What are you Hobbies?", "Why do you travel by bike?", "What is the worst/best thing that ever happened to you?", und so weiter. Ich gebe mir große Mühe zutreffende Antworten zu finden, weil es seine Art ist, jemanden besser kennen zu lernen - und frage stets zurück. Überhaupt wäre es schwierig, ihm mit seiner positiven Art irgendetwas auszuschlagen. Immerzu erklärt er den Leuten "Ja ljublu Rossija" (Ich liebe Russland) oder blickt in den Sumpf und ruft: "That is so beautiful!". Daneben fühlt man sich manchmal geradezu übellaunig und verschlossen.
Nach 3 Tagen auf der Haupttrasse - mit zum Glück relativ wenig Verkehr, weil es hier Richtung kasachische Grenze geht - und nachdem Max einmal beinahe von einem LKW überfahren worden ist, der nach einem gefährlichen Überholmanöver einfach kurz nach rechts auf den Seitenstreifen gebrettert ist, überrede ich Maks, bis Omsk zu probieren, wieder kleinere Straßen zu finden. So tuckern wir wieder über kleine Dörfer und Feldwege, von denen man nicht recht weiß, wohin sie führen. Irgendwann schwindet der Nebel, durch den ich eine Woche gefahren bin. Als wir an einem Vormittag 2 Leute in einem kleinen Tümpel baden sehen, schließen wir uns natürlich sofort an, und werden von Sveta und Sascha eingeladen zu einer 60. Geburtstagsfeier. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass die Beiden das, vermute ich, gegen den Wunsch der Gastgeber getan haben, vielleicht weil sie keine Lust hatten auf Familienfeier^^. Aber wir kommen erstmal mit, können die Banja benutzen und werden mit Schaschlik versorgt. So vergeht der Nachmittag. Schließlich werden wir noch ins Haus gebeten, wo an einer bunten Festtafel alles an russischem Essen aufgetischt wurde, was man sich vorstellen kann. Wir futtern uns glücklich durch und unterhalten uns mit den Gästen. So versuche ich herauszufinden, wer welche Beziehung zu wem hat, weil es wichtig ist, den "Administrator" zu kennen, und stelle fest, dass dies vermutlich die Ehefrau des "Jubiliars" ist, die die ganze Arbeit mit der Feier hat. Und die protestiert hat, als Sveta und Sascha die Banja angeworfen haben^^. Später wird noch getanzt,viiel Wodka getrunken und 3 alte Damen schmettern russische Lieder. Nach und nach stecken die Frauen ihren Männern, dass es Zeit ist zu gehen und schreiten ein, als der betrunkene Sascha seinen Schwiegervater, den "Jubiliar", anpöbelt. Wir zelten schließlich im Hof.
Am nächsten Morgen wache ich früh auf. Als Sveta zum Frühstück gleich wieder beginnt Wodka zu trinken, trinke ich ein Glas mit und lege mich nochmal schlafen, weil mir wirklich nicht nach Wodka zumute ist. Als ich mit Maks kurz frühstücke, bevor wir aufbrechen, ist Sveta bereits so betrunken, dass sie nicht aufhört den armen Maks abzuknutschen und schließlich die anderen Frauen einschreiten und sie in ein Nebenzimmer stecken. So verabschieden wir uns von den Gastgebern - nur nicht von Sascha und Sveta, die ihren Rausch ausschlafen und brechen nach Omsk auf. Dort verabschiede ich mich von Maks, der ein oder zwei Tage in der Stadt verbringt, während ich noch ca. 1600km und 14 Tage Zeit habe, um zur mongolischen Grenze zu kommen - dann läuft mein Russlandvisum aus.