Russland Teil 1 - 42° in der Steppe

Written by Esther on Freitag August 19, 2016 - Permalink -

Russland. Mein erster Grenzübergang mit Visum. Ich habe plötzlich etwas Bammel an der Grenze, als ich das Migrationsformular ausfüllen muss, und ich ja ein Businessvisum habe! Am Ende druckse ich ein wenig auf Russisch herum dass es beides, Tourismus und Business ist, und lese meinen "Arbeitgeber" - Meridian in Moskau - aus dem Visum ab. Aber es klappt alles, und ich bin in Russland, wohoo!
Als ich die Berge ein wenig hinuntergefahren bin, sehe ich ein militärartiges Fahrzeug mit deutschem Kennzeichen und stelle fest, dass es deutschen Wohnmobilisken gehört, die mich auf einen Eiskaffee einladen! Sie fahren heute hoch zur Grenze und geben mir den Tipp, dass es einen guten Autoatlas für Russland gibt, als ich sie nach einer Karte frage - das Erste, was ich hier suchen werde. In Vladikavkas fahre ich jedoch schnell weiter, als mir der Typ, den ich frage, wo ich eine Karte kaufen kann, mir eine an einem Kiosk für Vladikavkas kauft, mir aber beim Kartelesen wie ich finde zu Nahe kommt und mich zum Essn einladen will. Stattdessen frage ich lieber einen Taxifahrer nach dem Weg, der mir empfiehlt nicht durch Inguschetien, sondern durch Kabardino-Balkarien zu fahren (für beide Regionen gibt es Reisewarnungen vom auswärtigen Amt). Später versuche ich erneut mein Glück mit einer Karte für Russland bei einer Autowerkstatt. Kurzerhand fährt jemand los, um eine zu organisieren und schenkt mir eine Karte von Russland und der Welt. Nach weiteren Versuchen an Tankstellen finde ich schließlich besagten Autoatlas, mit dem ich meinen Weg durch Russland finde. Lange fahre ich an diesem Tag, und als ich abends keinen guten Zeltplatz finde, frage ich bei einer Art Bauernhof, ob ich vor dem Tor zelten darf. Dort lebt ein älterer Mann, der statt durch das Tor zu gehen immer über eine Leiter klettert, und den ich furchtbar schlecht verstehe. Aber ich kann dort zelten und 4 Hunde halten Wache vor dem Tor, ein gutes Zeichen wie ich finde. Vielleicht bin ich in Georgien doch etwas misstraurisch geworden. Am nächsten morgen frühstücke ich noch, und ein Kollege kommt vorbei, der mir essen schenkt, und unbedingt möchte dass ich noch kurz warte, bis jemand von der Zeitung kommt^^ - und tatsächlich darf ich eine Viertelstunde später ein paar Fragen - zum Glück auf Englisch - beantworten und ein Foto mit meinem Rad machen lassen. Den Zeitungsartikel hat mir Fatima, die Journalistin, auf Facebook zukommen lassen ((:. Als ich noch frage, wo ich eine russische Simkarte kaufen kann, fährt der Mann, der am Morgen vorbeigekommen ist noch los und kauft mir eine. Ausgesprochen dankbar breche im an diesem Vormittag auf nach Kabardino-Balkarien. Außer der Passkontrolle ist dort alles ruhig. Dreimal lehne ich an dem Tag eine Einladung zum Essen ab und bade in der Mittagshitze in einem Fluss, wo jemand sein Auto wäscht - es ist Sonntag. Abends verlasse ich Kabardino-Balkarien wieder. Warum für dort eine Reisewarnung gilt, ist mir ein Rätsel. Den Russen, die ich später frage, auch. Die nächsten Tage fahre ich ebenfalls viel - ich habe es eilig bis zur Hochzeit von Linus und Susi eine Stadt mit Flughafen zu erreichen, also mindestens bis Wolgograd zu kommen. Es wird immer heißer, während die Felder der Steppe weichen. Immer wieder bekomme ich essen oder was zu trinken geschenkt - einmal, als ich frage, ob ich einen Panzer fotografieren darf, der über die Straße fährt, sogar eine ganze Armeeration. Schließlich komme ich nach Kalmeikien, einer Gegend, in der die Bewohner ursprünglich mongolischstämmig sind und am Straßenrand mit ihren Motorrädern Kühe treiben. Elista, die "Hauptstadt" sieht ebenfalls ganz und garnicht russisch aus, dort gibt es keine orthodoxen Kirchen, sondern buddhistische Tempel mit goldenen Dächern. Dort wollte ich ursprünglich in einem Hotl übernachten, merke aber am Abend, dass ich es nicht schaffe. Den ganzen Tag hatte ich starken Gegenwind und bin nach 125km am Ende meiner Kräfte. Also zelte ich mal wieder und benutze vormittags das Internet in einem Cafe, um einen Flug nach Deutschland zu buchen - von Samara aus, weil er günstiger ist als von Wolgograd. Netterweise lässt mich eine nette Babuschka (Oma) bei einem Motel gratis duschen und Wäsche wachen. Nachmittags jedoch habe ich zum ersten Mal richtig Pech mit Gewitter. Weil es anfängt zu regnen und der Gegenwind so heftig wird, dass ich nicht mehr fahren kann, mache ich Pause am Straßenrand - ein grober Fehler. Das Gewitter zieht genau zu mir hin, und eine halbe Stunde hocke ich dort und zittere, bis der Wind nachlässt. Danach mache ich eine lange Rast bei einem Cafe. Ein Stück fahre ich noch weiter, schließlich gebe ich wegen erneutem Wind und Regen auf. Ich merke allmählich, dass meine Motivation und Kraft nachlässt, das Schlechteste was mir auf der Radtour passieren kann. Nicht nur das Wetter macht mir extrem zu schaffen, sondern auch dr Verkehr auf der Straße, die sehr schmal und ohne Seitenstreifen hunderte von Kilometern geradeaus geht. Als ich am nächsten Tag wieder starken Gegenwind habe, und mir eine Gruppe aserbaidschanische Lieferwagenfahrer anbietet, mich nach Wolgograd mitzunehmen, fahre ich mit. Der Wagen, bei dem ich mitfahre hat ein Motorproblem, und muss in Wolgograd, immer öfter Halt machen, sodass ich den Fahrer bitte, mich bei der nächsten Gelegenheit abzusetzen und fahre selbst an dem Tag noch 30 km durch Wolgograd, das kein Ende nehmen will. An einem trockenen Fluss kann ich zelten, obwohl ich noch nicht ganz aus der Stadt raus bin. Am nächsten morgen treffe ich Radfahrer, die ich frage, auf welcher Seite der Wolga es weniger Verkehr gibt, und die mir sagen, dass es überall gleich schlecht ist. Also fahre ich weiter. Der Verkehr ist eine Katastrophe es gibt keinen Seitenstreifen und wieder viel Gegenwind. Als ich an einer Raststätte einen aserbaischanischen Lieferwagen sehe, versuche ich mein Glück. Aslan hat zwar den Laderaum voller Tomaten, aber packt mein Fahrrad oben drauf, und nachdem ich den Lenker abmontiert habe, passt das! Er sieht mich als eine Art Glücksbringer an und erzählt mir, dass er schon 2 Tage ohne Schlafen durchfährt - ich bin froh dass ich noch nicht von einem LKW-Fahrer im Sekundenschlaf überfahren worden bin! Anschnallgurte benutzen die Fahrer allesamt nicht, sondern halten sie sich an, wenn eine Polizeikontrolle kommt (%. Abends bei einem Motel lasse ich mich überreden was zu trinken - man sollte nicht gegen LKW-Fahrer antrinken, das kann kein gutes Ende nehmen... am nächsten morgen geht es mir furchtbar, aber wir brechen um 10 auf, die Tomaten müssen nach Samara. Ich lasse mich etwas hinter Saratov absetzen, damit ich die 3 Tage, die mir noch bis zu meinem Flug bleiben noch fahren kann. Ich fahre wo möglich kleinere Nebenstraßen, um den starken Verkehr zu umgehen. Am nächsten Tag fahre ich die bisher längste Etappe mit 174km, damit ich am letzten Tag einen Puffer habe. Dort geht es entspannt durch einen Nationalpark, statt auf der Autobahn, und am Nachmittag möchte ich die Fähre statt der Autobahnbrücke nach Samara nehmen. Bevor ich den Anleger erreiche, sehe ich noch den Namen eines Geschäfts, dort steht auf russisch: "Alles wird gut!" seltsamer Name für ein Geschäft wie ich finde. Am Anleger warten ziemlich viele Touristen auf die Fähre und mir wird gesagt, ich muss den Kapitän fragen, ob ich mit dem Fahrrad mitfahren kann. Als alle Personen eingestiegen sind, ist der jedoch der Meinung, dass dort nicht genug Platz sei, und lässt mich stehen. Ich bin verzweifelt. Wenn ich jetzt zurückfahren würde, wären es noch 100km bis zum Flughafen. Eine Frau erklärt mir, dass ca. 10km am Fluss entlang abends noch ein Fähre fährt, also versuche ich mein Glück auf einem Weg, der immer schlechter und holpriger wird. Als wieder ein paar Häuser und Leute auftauchen, frage ich nochmal nach, und sie sagen mir, dass keine Fähre fährt, aber dass mir jemand ein Boot rufen kann, dass mich rüber bringt - puh! Eine halbe Stunde warte ich dort, bis tatsächlich ein Typ mit Cowboyhut und Musik mit einem Motorboot angefahren kommt und mich an das andere Ufer der Wolga bringt. Und weil ich die 500 Rubel nicht passend habe, sogar umsonst: "This is a gift from Russia". Einen Platz, wo ich mein Fahrrad stehen lassen kann finde ich schließlich in einem unbenutzten Bürozimmer über einer Autowerkstatt. Bei dem Hotel um die Ecke entspanne ich noch in der Sauna, bevor ich nachts den Flieger nach Helsinki und weiter nach Frankfurt nehme, und an die Aufschrift des kleinen Geschäfts denke: "Alles wird gut!"