Kohlepest

Written by Esther on Mittwoch November 2, 2016 - Permalink -

Weil meine bisherige Fahrt in China von allzu wenigen Begegnungen mit offenen und warmherzigen Menschen geprägt war, und selbst die meisten Radfahrer und Touristen, die sonst immer für ein Schwätzchen zu haben waren, mir hier nicht mehr begeistert zuwinken, denke ich gerade als ich an meinem letzten Tag durch die Provinz Hebei fahre an die russische Herzlichkeit zurück, und wie sehr ich sie vermissen werde. Und als ob mir Hebei noch einmal zeigen möchte, dass es auch hier nette Leute gibt, hilft mir ein Ladenbesitzer bei der Suche nach Gemüse, das es in seinem Geschäft nicht zu kaufen gab, und schenkt mir am Ende noch Eier und Tomaten von sich daheim, die ich auch in dem Gemüseladen nicht bekommen konnte. Und am Ende haben sich einige Leute um mich versammelt, von denen mich eine Frau zum Essen einlädt - diesmal lehne ich dankend ab weil ich keinen Hunger habe.
Am nächsten Tag fahre ich in die Provinz Shanxi und zum ersten Mal treten die Kohle-LKWs auf den Plan und meine  - wie ich dachte - ruhige kleine Landstraße verwandelt sich in einen Alptraum aus Kohlestaub und Abgasen. Die ständige Huperei lässt mich mein gesamtes Arsenal an Flüchen in Zeichensprache einsetzen - in China wird scheinbar jedesmal gehupt, wenn jemand ein langsameres Fahrzeug vor sich auf der Straße sieht um zu sagen: "Achtung, hier komm ich!", und LKW-Hupen sind verdammt laut! Weil es keine andere Straße zum Ausweichen gibt heißt es: Augen, Nase, Ohren zu und durch, aber immerhin habe ich einen kleinen Lichtblick - habe ich mir doch ab jetzt vorgenommen, mehr wie ein richtiger Tourist unterwegs zu sein und einige Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Der erste Ort auf meinem Plan, ein so genanntes "hängendes Kloster", das auf Stelzen an eine Felswand gebaut wurde, ist mit dem riesigen Betonparkplatz im Flussbett und ohne reißenden Fluss kein halb so magischer Ort, aber die Yungang-Höhlen mit den über 1000 Jahre alten in Sandstein gehauenen Buddha-Statuen wurde nicht umsonst der Rang eines Weltkulturerbes zuerkannt und waren den Umweg über Datong unbedingt wert. Ich gehe hier in Shanxi noch eine Weile dem Rätsel nach, wie es möglich ist, in einer so kohleverseuchten Provinz einzelne Orte zu verschonen - sowohl bei den Yungang-Höhlen als auch in einigen größeren Städten gibt es deutlich weniger Smog als an allen anderen Orten.
Von Datong fahre ich weiter nach Süden in Richtung Taiyuan, wo ich mein Visum verlängern lassen will - diesmal mit einer neuen Strategie: Weil ja scheinbar auch die kleinen Straßen vor LKW-Verkehr strotzen, nehme ich diesmal den kürzesten Weg auf der etwas größeren Straße. Und die Straße wird noch viel schlimmer als zuvor: Ein LKW nach dem anderen donnert an mir vorbei, und als ich in einer Viertelstunde 100 LKWs zähle, was nun endgültig jeden Rahmen sprengt, erkenne ich auf einmal, dass es in 500m Entfernung parallel zu dieser Straße eine andere gibt, auf der großteils Autos fahren. So rette ich mich für eine Weile, bis beide Straßen wieder zusammenführen. Ein wenig besser wird die Straße zeitweise nur, als ich in die Berge über einen Pass fahre und in größeren Städten, wo ich mich regelmäßig plötzlich auf einer völlig leeren in beide Richtungen 4-spurigen Straße mit Radweg wiederfinde. Als ich einmal sehe, wie die Polizei die LKWs, die sich auf so einer Straße eingeschlichen haben, rauswinkt, wird mir klar, warum hier die Luft so viel besser ist. Ich beginne mir einen Spaß daraus zu machen, durch solche Städte ein Rennen gegen mich selbst zu fahren. Die überall neu hochgezogenen Wolkenkratzer-Wohnviertel geben ohnehin selten ein lohnendes Foto ab und diese zu perfekten Orte mit ihren zu leeren Straßen laden einfach dazu ein, bei rot über Ampeln zu fahren - was hier ohnehin alle Zweiradfahrer tun. Und im Getümmel des Stadtzentrums kann man dann beim "Wer zuerst fährt oder hupt hat Vorfahrt"-Spielen mitmachen.