Georgien

Written by Esther on Freitag August 19, 2016 - Permalink -

Wie kann man nur so dumm sein. Eigentlich wollte ich in Batum, der großen Küstenstadt 20 km hinter der georgischen Grenze,  in einem botanischen Garten mit Campingplatz zelten, von dem mir deutsche Touristen in der Türkei erzählt haben.  Stattdessen lasse ich mich überreden, bei einem Kumpel von Seyfi zu übernachten, abends noch was essen zu gehen und Batum zu besichtigen. Auch keine schlechte Idee denke ich, da ich eine Stadt wie Batum bisher noch nicht gesehen habe: Moderne abgefahrene Wolkenkratzer und Hotels die wie aus dem Nichts gewachsen scheinen zwischen zum Teil runtergekommenen und zum Teil nagelneuen Wohnblocks. Wie sich am Ende herausstellt, gehen wir allerdings weder essen, sondern essen im Appartment bei seinem Kumpel, und die Stadt zu besichtigen hat Seyfi dann später auch keine Lust mehr, sondern will mich eigentlich in dem Appartment angraben, wo wir übernachten können (nicht bei seinem Kumpel) und das er scheinbar gemietet hat. Irgendwann wird mir das zu bunt, und als er versucht, mein Gesicht aufzuessen, küssen kann ich dazu nicht sagen, reicht es mir endgültig und ich mache ihm klar, dass ich entweder auf dem 2. Bett ALLEINE schlafe, oder meine Fahrradtaschen nehme und gehe (es ist nachts um 11). Morgens früh nehme ich dann meine Taschen und fahre. Und ärgere mich, dass ich weder Batum noch den botanischen Park richtig gesehen habe, der nicht wie von Seyfi behauptet sehr weit weg in den Bergen ist, sondern wie ich am morgen herausfinde, nur  9 km vom Zentrum entfernt. Und ich ärgere mich, dass ich so doof war. An mehreren Punkten hätte ich einfach sagen sollen, dass ich lieber zelte,  egal ob er extra zur Grenze gefahren ist oder nicht. Ich nehme mir für die Zukunft vor, einfach auf den Plan zu bestehen, den ich hatte und im zweifelsfall unfreundlich zu sein.
An dem Tag wünsche ich mir, jemanden zu haben, mit dem ich reden kann. Mittags sehe ich dann plötzlich bei einer Bahnhaltestelle ein Fahrrad mit Packtaschen, und gehe mal nachschauen, wem es gehört. Da machen 2 Iraner im schattigen Unterstand Siesta! Und weil die beiden in die gleiche Richtung fahren wie ich, fahren wir zusammen weiter. Von da an passiert es mir öfter, dass ich an etwas denke, das ich brauche, Obst, das ich vergessen habe einzukaufen oder eine Dusche, und dann schenkt einem jemand eine Tüte Birnen, oder man wird zum Übernachten eingeladen. So fängt man an, sich keine Sorgen mehr zu machen, und darauf zu vertrauen, dass man immer auf irgendeine Art und Weise das bekommt, was man braucht.
2 Tage fahre ich gemeinsam mit Motshtaba und Exir durch georgische Dörfer, und finde heraus, das die beiden vom Iran in die Türkei gereist sind, dort aber mit dem Bus an die Küste gefahren sind, weil es viel geregnet hat. Motshtaba, der englisch spricht, und mehrmals am Tag betet, ist der Meinung, dass es uns bestimmt war uns zu treffen, damit die beiden mich beschützen können. Und er hofft, dass sie besser vorankommen, wenn wir gemeinsam fahren, weil ich so viel Tourerfahrung habe ((:. Am ersten Abend würde ich gerne einen Zeltplatz aussuchen - ich glaube die Beiden zelten zum ersten Mal - kompromisshalber schlagen wir unsere Zelte aber bei einer Schule auf, weil Exir nicht mehr so weit fahren kann. Da kommen am Abend natürlich ein paar junge Kerle an, die uns zum Wodkatrinken überreden möchten. Exir lässt sich tatsächlich überreden, während Motshtaba eisern bleibt - er ist doch Muslim! Diplomatischerweise trinke ich sein Glas für ihn, und gehe dann schlafen. Später kommt Motshtaba zu meinem Zelt, und möchte, dass ich in ihrem (riesigen) Zelt übernachte - "They are coming for you!" Er denkt dass die Typen, als sie später wiederkommen, böse Absichten haben. Ich sehe das anders, aber weil ich überall gut schlafe, übernachte ich bei Ihnen, während Motshtaba die ganze Nacht kein Auge zutut. Als wir nächsten Tag gleich dreimal zum Trinken eingeladen werden - mittags zum Essen und Tchatcha (ich vermute 55%iger Wodka, man kann danach Feuer speien), nachmittags zum Bier und abends, als wir durch eine Weinregion fahren auf ein Glas Wein - wird Motshtabas Eindruck von Georgien vermutlich traumatisch geprägt, während Exir, der offener auf die Leute zugeht, doch ab und an ein wenig mittrinkt. Verständlicherweise kommen wir an dem Tag nicht weit, was allerdings auch an einer Badepause im Fluss in der Mittagshitze, Gegenwind und teils steilen Anstiegen liegt, die die beiden hochschieben müssen. Dafür finden wir abends einen perfekten Zeltplatz auf einer Hügelkuppe mit einer 360° Aussicht auf die Berge. Für den nächsten Tag steht der Abschied an, ich fahre doch eher schneller als die beiden. Allerdings beschließen sie, von Zestaponi ein Taxi Nach Tiflis zu nehmen, weil Exir sich wohl ständig beschwert, wie mir Motshtaba erklärt. Ich quäle mich bei einer Affenhitze auf einen 1000m Pass hoch, bei jedem Wasserhahn tränke ich mein Tuch, das ich wie ein Scheich unter dem Helm trage, um mir ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Abends zelte ich auf dem Pass. Als später jemand zu meinem Zelt kommt "Misses!" bin ich äußert misstraurisch, aber er will mir nur anbieten in der Hütte zu übernachten und bringt mir netterweise noch etwas zu essen vorbei. Am nächsten Tag treffe ich zum 2. Mal in Georgien Tourenradler - als ich an einer kleinen Straße Mittagspause mache, steht auf einmal Bernhard vor mir! Ich traue meinen Augen nicht, ich dachte er wäre schon längst weit voraus! Und im Schlepptau hat er Ralph, einen Deutschen, von dem ich schon gehört habe, und Alexis, einen Griechen! So fahren wir gemeinsam nach Gori zum Stalinmuseum, das leider gerade schließt als wir ankommen. Bernhard und Ralph - die faulen Deutschen ((; - übernachten dort im Hostel, während ich mit Alexis noch mit dem Gewitter und Wind im Nacken weiterdüse. Als ich dann bei 5 Babykatzen an der Straße halt mache, werden wir glücklicherweise zum Übernachten eingeladen (es gibt heftigen Regen), weil Leute die griechische Flagge an Alexis Fahrrad sehen, und Verwandte bei Ihnen zu Hause Griechen sind! Während er sich also auf griechisch unterhelten kann, versuche ich mich wie üblich mit russisch, und wir finden heraus, das wir bei den Eltern eines bekannten Judomeisters gelandet sind! Und da wir am nächsten Tag langsam fahren, weil Alexis Probleme mit dem Knie hat, treffe ich noch ein letztes Mal Bernhard und Ralph, bevor ich mich von allen Dreien verabschiede und 3 Tage lang in den Kaukasus zur russichen Grenze hochstrample. Einiges an Regen, Kälte und Wind bekomme ich noch ab, und zweimal lehne ich ab, mich mitnehmen zu lassen, bis ich endlich auf dem 2395m hohen Jvari Pass das Siegerfoto machen kann! Und nichts wie ab zur russischen Grenze!