Fahrt mit Bart

Written by Esther on Mittwoch September 14, 2016 - Permalink -

Glückselig rolle ich die asphaltierte Straße mit Blick auf den riesigen See entlang. Der leuchtet tiefblau in der Sonne, keine Boote und keine Städte gibt es an seinen Ufern. Abends bei der Suche nach Feuerholz sehe ich eine kleine graugestreifte Schlange. Beim Kochen kommt mich mehrmals etwas Hüpfendes besuchen - eine kleine Wüstenspringmaus mit großen Ohren, die sich mit ihrem langen Schwanz bewegt wie ein Känguruh. Und in dem Moment, wo kein Auto die Straße entlanggefahren kommt, herrscht hier vollkommene Stille und die Milchstraße versinkt in dem dunklen See.  
Am nächsten Tag nutze ich die Mittagswärme für eine Badepause. Die Leute, die in der Nähe rasten, kommen für ein Fotoshooting herüber und beobachten mich beim Wäschewaschen. Als ich dann auch noch schwimmen gehe, müssen die Männer mitziehen, und gehen allesamt auch in dem kühlen See baden - die Frauen nicht. Nachmittags hält ein Autofahrer vor mir, der aussteigt und sich demonstrativ streckt, als ich angefahren komme. Er will von etwas ablenken. Ich zeige ihm auf der Karte meinen Weg, und er sagt mir, dass schon 300km vor der Stelle, die auf der Karte von 2015 markiert ist, wieder asphaltierte Straße beginnt! Und dass das nichtasphaltierte Zwischenstück, das laut Karte in etwa 20km beginnt, nicht besonders sandig ist, außer einem kleinen Teil gegen Ende. Gute Neuigkeiten! Natürlich lehne ich das Angebot, mich auf dieser perfekten Straße mitnehmen zu lassen ab und fahre weiter, aber der Typ will nicht lockerlassen. Er fährt neben mir und quatscht mich von der Seite an oder hält vor mir und wartet. Ich sage ihm deutlih, dass ich wirklich nicht mitfahren möchte. Als er dann wieder vor mir hält und sich auf die Straße stellt und die Arme ausstreckt, und nachdem ich vorbeigefahren bin mich von der Seite erst auf mongolisch ansäuselt und dann auf Russisch "Ja Ljublu Tjebja" - "Ich liebe dich" sagt, reicht es mir. Darauf reagiere ich mittlerweile absolut allergisch, das waren auch die Worte des Typen in Batum! Ich frage ihn auf russisch ob er das versteht und zeige ihm den Mittelfinger, woraufhin er endlich aufgibt. Ich bin wirklich genervt von den Männern hier, das Verhalten gegenüber alleinreisenden Touristinnen ist einfach nur peinlich. An diesem Tag geht die Straße noch viel länger weiter als erwartet, doch ich weiß dass sie irgendwo wieder aufhört. Noch einmal erzählt mir jemand, dass die Straße bald schlecht wird, und bietet mir an, mich mitzunehmen. Aber ich bleibe dabei wenigstens alles zu fahren, was asphaltiert ist. Wenn der Weg demnächst aber wieder so schlecht wird, wie vorher, müsste ich mich mitnehmen lassen, weil mir dann 30 Tage Mongolei nicht ausreichen, um China zu erreichen! Allerdings habe ich keine Lust als Frau bei Männern mitzufahren, und ich sehe hier aber nur Männer, die Auto oder LKW fahren. Als Frau... als ich über dieses Problem nachdenke, fällt mir etwas ein, das ich nur für Notfälle mitgenommen und fast wieder vergessen habe. Weil mir bei meinen Vorbereitungen so viele Leute abgeraten haben, als Frau alleine zu reisen, habe ich irgendwann mal darüber nachgedacht, was ich mache, wenn es wirklich irgendwo unmöglich sein sollte. Und mir im Internet Stoppelpaste bestellt, mit der man sich einen Bart schminken kann. Und so mache ich mich am nächsten Morgen daran, mir mit Schere, Stoppelpaste und Staub einen Bart zuzulegen und binde mir unter meinem Schlabberpulli eine Hose um. An dem Tag habe ich eine sehr ruhige Fahrt. Die Asphaltstraße geht zunächst in planierten Schotter über, der sich auch sehr gut fahren lässt. Später sind leider immer häufiger Erdwälle aufgeschüttet, die ich mühevoll umschiebe, damit die Autos un LKWs die alten Wege daneben benutzen. Weil ich davon ausgehe, mich am nächsten Tag dann wirklich mitnehmen lassen zu müssen, stocke ich meinen Bart wieder auf, und tauche noch Helm gegen Basecap, damit die Riemen den Bart nicht verwischen. Ich probiere die Seitenwege aus, was mich aber wieder zum Schieben zwingt - und keiner kommt in dem Moment vorbei, um mich mitzunehmen. Also fahre ich weiter auf der Trasse, bis sie endgültig endet. Dafür ist dort der Feldweg wieder ok, und ich überlege langsam einfach zu versuchen, alles zu fahren. Abends halte ich in einem sehr weiten schönen Tal mit Jurten ringsum. Damit nicht wieder jemand mir anbietet, bei ihm zu übernachten, und ich aber das Zelt schon aufgebaut habe, koche ich erst einmal. Tatsächlich kommt mich ein Junge mit seinem Motorrad besuchen, und lädt mich in die Jurte seiner Familie ein. Sotanjemze ist 17 Jahre alt und ich bin überhaupt kein echter Mann, aber er ist ein richtig guter Freund. Er hilft mir, das mit getrocknetem Pferdemist nicht besonders gut brennende Feuer zu erhalten, legt mir seinen Mantel um, weil es ziemlich kalt wird, wenn die Sonne weg ist, und wartet, bis ich gegessen habe. Ich überlege noch, ob ich nicht einfach zeigen soll, dass ich eine Frau bin, aber ich weiß nicht so recht, wie die Leute hier darauf reagieren würden. Also behalte ich meinen Bart und übernachte in der spärlich eingerichteten mongolischen Jurte. Ein größeres Bett teilen sich die Eltern mit den beiden jüngsten Kindern, ein kleineres Sotanjemze mit seinem Bruder. Die anderen beiden Brüder verschwinden nach dem Abendessen mit dem Motorrad, ich konnte nicht ganz rausfinden wohin. Als ich in meinem Schlafsack auf dem Boden liege, kann ich durch die Öffnung in der Mitte die Sterne sehen. Die Holzstreben an der Decke werfen im Kaminfeuer strahlenförmige Schatten. Am nächten Tag fahre ich früh weiter in den nächsten Ort. Ich vermute, dass der Mann in einem kleinen Supermarkt meinen Bart als Fälschung erkennt, den ich an diesem Morgen nicht ausbessern konnte. Ich gebe zu mich verkleidet zu haben, worüber er lacht. Bei der nächstbesten Gelegenheit schminke ich den Bart wieder ab, und stelle fest, dass ich meinen Helm verloren habe! Ich fahre zurück und suche noch an 2 Stellen nach ihm, vor etwa 10km habe ich ihn noch bei einer Abfahrt getragen, aber kann ihn nicht mehr finden. Irgendwie habe ich die Vermutung, dass ihn jemand schneller gefunden hat als ich - Helme sind hier eine Seltenheit.