Drei Schluchten

Written by Esther on Dienstag Februar 14, 2017 - Permalink -

Nachdem ich aus den Bergen hinab in den nächsten Ort gefahren bin, unterhalte ich mich bei einem Gemüseladen kurz mit den Leuten, die so nett waren mir Reis zu schenken, den ich dort nicht kaufen konnte. Und als ich weiterfahre, holt mich ein Mann, den ich dort schon gesehen hatte und der offenbar seinen Sohn von der Schule abgeholt hat, wieder mit dem Roller ein und der 6-Jährige lädt mich ein, mit zu Ihnen nach Hause zu kommen. Wie könnte da widersprechen?
Bei ihnen daheim nimmt er mich an die Hand und zeigt mir ihre glänzende nagelneue Wohnung im ersten Stock mit großen etwas zu leeren Räumen und einem riesigen Plasmabildschirm. Weil das Haus aber keine Heizung hat, ist es darin ganz schön kalt, und so sitzen seine Mutter und Tante mit ihren Babys lieber im Erdgeschoss bei der Oma am Kamin - das blanke Gegenteil zum Neubau darüber. Hier sind Wände und Boden nicht weiß und glänzend, sondern aus kahlem Stein, es gibt alte Holzmöbel und eine kleine vielgenutzte Küche. Bei den beiden Säuglingen fällt mir zum ersten Mal etwas auf, wovon ich schon im Hostel in Beijing gehört habe - an Stelle einer Windel haben die Strampler unten ein Loch! Sehr praktisch, so dick wie sie eingepackt sind und zugleich auch noch umweltfreundlich!
Später gibt es dann noch ein großartiges Abendessen mit mindestens 5 verschiedenen Gerichten und ich erkundige mich nach dem Ausgang der Wahlen in den USA. Den Leuten hier ist es scheinbar "ping an", also gleich, wer die Wahl gewonnen hat, aber es gibt einen Beitrag dazu in den Nachrichten. Als ich nach den Kontaktdaten im chinesischen sozialen Netzwerks "Weixi" frage, erkundige ich mich wie immer auch nach Facebook und stelle fest, dass die Leute hier gar nicht wissen, dass es Facebook, Google oder Youtube überhaupt gibt! Dafür habe ich vor lauter Radfahren wohl nicht mitbekommen, dass im letzten Jahr aus der Ein-Kind eine Zwei-Kind-Politik geworden ist, und habe mich dort gewundert, dass sowohl der junge Mann als auch seine Schwester beide zwei Söhne haben.
Am nächsten Morgen geht es nach einem Abschiedsfoto zurück über die hölzerne Hängebrücke, die zum Haus führt, und wieder 30km bergauf zum nächsten Pass. Strahlender Sonnenschein und die Aussicht, danach gemütlich an einem Fluss entlang zum Jangtse fahren zu können, stimmen mich optimistsisch. Und dann kommt auch die große Abfahrt aus den Bergen - steil und kurvig bremse ich mich die schlechte Straße hinab ins nähste Flusstal, das einen beeindruckenden Blick auf die Berge ringsum bietet. Aber auch am nächsten Tag führt mich die Straße unerklärlicherweise wieder um die 1000m hoch auf einen Pass! Wie kann das sein, wo sie doch laut meiner Straßenkarte am Fluss entlangführen sollte? Mit zunehmendem Zweifel, ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg bin, frage ich hoffnungsvoll an jedem Abzweig, der mich weiter rauf führt, nach dem Weg. Aber irgendwie verstehen mich die Leute hier nicht, oder aber geben mir auf die Frage, ob rechter oder linker Abzweig als Antwort: "Aber das ist zu schwierig." - Danke auch. Da könnte ich genauso gut Mao fragen, der mir aus den Hauseingängen neben dem Gott für Reichtum entgegenblickt. Irgendwie schlage ich mich dann doch durch zum Bergpass, mit gewaltigem Blick hinab in einen Canyon.
Und als ich diesmal die Serpentinen ins Tal hinunter fahre, dämmert mir, warum meine Straßenkarte spinnt - der Fluss, der auf meiner Karte nur als feine Linie dargestellt wird, ist in Wirklichkeit, vermutlich wegen des 3-Schluchten-Staudamms, zu einem See aufgestaut! Kein Wunder, dass dort keine Straße entlanggeht, sondern nur über die Berge führt! Bei der Abfahrt wird es jetzt plötzlich sehr warm und Grillen zirpen in der Abenddämmerung. Der Jangtse, der die Grenze zwischen dem kühleren Norden und Südchina darstellt ist nah!
Unten angekommen, umfahre ich zunächst ausgiebig die Verästelungen des gefluteten Tals und frage noch zweimal nach dem Weg, aber es lässt sich nichts machen, wieder geht es rauf in die Berge! Neein, ich will nicht mehr! Und langsam geht mir auch wirklich die Kraft aus - ich kann unmöglich weiter jeden Tag 1000m rauf und runterfahren. Beim Anblick der vielen Boote auf dem Wasser nehme ich mir vor, auf dem Jangtse ein Stück Schiff zu fahren, falls das irgendwie möglich ist, und so das drohende Bergmassiv im Süden zu umschiffen. In 6 Tagen muss ich in Huaihua sein, von wo aus ich ein Zugticket nach Shenzhen (die chinesische Grenze zu Hongkong) gekauft habe - ich werde es in Anbetracht der Berge sicher nicht ganz bis dorthin schaffen, aber zumindest will ich so weit wie möglich kommen, damit ich es nicht nächsten Monat bereue, wenn mein Chinavisum endgültig ausläuft.
Aber dazu muss ich es erst einmal aus diesen verdammten Bergen hinaus schaffen. Hätte man beim Bau des 3-Schluchten-Staudamms nicht auch gleich die Berge planieren können? Wieder fahre ich einen ganzen Tag bergauf und bekomme allmählich Knieschmerzen. Zudem wird es auch noch regnerisch und so neblig, dass ich in den nicht enden wollenden Bergen langsam das Gefühl bekomme, im Kreis zu fahren. Aber diesmal fahre ich nach dem Pass tatsächlich hinunter nach Wu Shan an den Jangtse! Und habe nicht den geringsten Zweifel mehr an der Entscheidung, ein Schiff zu nehmen. Da stört es mich auch nicht allzu sehr, dass es einen ganzen Tag bis kurz vor Yichang braucht und mit 388 RMB für meine Verhältnisse ziemlich teuer ist. Ohnehin würden mich keine 10 Pferde wieder vom Hafen zurück die steile Straße rauf bringen!