Der verschwundene Ausländer

Written by Esther on Montag August 28, 2017 - Permalink -

Nachdem der Mann vom Ticketschalter mich noch eifrig mit meinem ganzen Gepäck auf dem Schiff untergebracht und ich meine Kabine mit Krankenhausflair bezogen habe, verlassen wir langsam den Anleger – und fahren in die falsche Richtung! Ich erkundige mich schnell an der "Rezeption" nach der Route – unser Schiff fährt zuerst gen Westen zur Qutang-Schlucht, bevor es am Abend in Richtung Osten hierher zurück und nach Yichang weiter fährt! Dieser verdammte Typ vom Ticketschalter hat mir gegenüber diesen Abstecher natürlich unerwähnt gelassen. kein Wunder, dass die Fahrt so lange dauert! Jetzt bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die etwas unfreiwillige 3-Gorges-Tour zu genießen.

Auf der Suche nach dem schönsten Aussichtspunkt des Schiffes setze ich mich ungestört ganz unten auf den Bug und freue mich einen Keks. Das Wasser glitzert in der Sonne, während wir ruhig an den mächtigen Bergen vorbeiziehen. Wie zu erwarten war, werde ich nach einer Viertelstunde vom Schiffspersonal von meinem perfekten Platz verscheucht. Irgendwann beginnt eine Lautsprecherdurchsage und alle Toristen strömen aus ihren Kabinen an Deck: Wir haben die Qutang-Schlucht erreicht. Kurz darauf legen wir bei einem Toristenort mit Pagode an. Weil ich noch kurz in meiner Kabine meine Sachen sortiere, sind mir die Tourgruppen schon entwischt und ich mache mich zu Fuß auf Landgang. Die Schiffscrew erklärt mir noch gewissenhaft, wann das Boot wieder ablegt.

Der Hafen mit Pagode und Tempel ist ganz hübsch, kann aber nicht der Grund unseres Besuches sein, dafür ist hier viel zu wenig los. Also spaziere ich noch ein Stück in den Ort den Berg hinauf und esse in einem günstigen Nudelrestaurant zu mittag. Aber weil ich auch hier keine Tourgruppen ausfindig machen kann, kehre ich vorzeitig zurück in meine Kabine.

Später treffe ich auf dem Fluf die junge Reiseleiterin Long Chunhua und bin ganz begeistert, endlich mal wieder mit jemandem englisch sprechen zu können! Sie erlärt mir dann auch, dass die ganzen Touristen bei einem sogenannten Baidi-castle waren, das wir auch schon im Vorbeifahren gesehen haben. Sie lädt mich ein, mit ihren "Gästen", also ihrer Tourgruppe, zu Abend zu essen, was bedeutet, dass es einen ganzen Tisch voll verschiedener Gerichte von gebratenem Fisch bis tausendjährigen Eiern gibt! Leider essen die Chinesen immer sehr zügig, und so muss ich anstandshalber kapitulieren, obwohl noch viel zu viel Essen übrig geblieben ist und ich am liebsten den ganzen Abend weitergegessen hätte. Nachdem der letzte Schnaps auf die Schälchen der Gäste verteilt wurde und sich alle eifrig zugeprostet haben (man muss aufstehen, wenn jemand Älteres einen Toast ausspricht) begeben sich die Gäste - einige mit hochroten Wangen – auf ihre Kabinen und ich unterhalte mich noch den restlichen Abend mit Chunhua, die mir die 4 Säulen auf dem Weg zu einem erfolgreichen Tourguide erklärt, also wie man seine Provision aufbessert, indem man seinen Touristen lokale "Spezialitäten" verkauft und noch mehr "scenic spots" besucht. Irgendwann platzt das ganz aufgescheuchte Schiffspersonal in Chunhuas Kabine herein und ist völlig verwundert, mich hier anzutreffen, wo sie mich scheinbar schon überall gesucht haben! Offenbar hatten sie Angst, weil sie mich nicht zurück an Bord des Schiffs haben gehen sehen, ihren Ausländer verloren zu haben! Naja, jetzt wo sie mich gefunden haben, können wir dann auch endlich ablegen. Mir war noch garnicht aufgefallen, dass wir eigentlich schon vor 2 Stunden hätten aufbrechen sollen...

Am nächsten Morgen ist es deutlich kühler und der Nebel hängt schwer in der zweiten Schlucht, der Wu-gorge. Ein Paar meditiert mit monotonen Lauten und Tai-chi-ähnlichen Bewegungen auf dem hinteren Deck. Ich beschließe, das schlechte Wetter zu nutzen, um mein Fahrrad zu putzen und ein wenig daran herumzuschrauben. Am Nachmittag haben wir dann unseren Endanleger erreicht und die Tourgruppen strömen eilig an mir vorbei zu ihren Bussen. Ich schleppe nach und nach meine Ausrüstung die Treppen am Anleger hoch. Die Schiffscrew scheint wenig besorgt darüber zu sein, dass mir die Taschen zu schwer sein könnten.