Der Räuber und die Wüste Gobi

Written by Esther on Donnerstag Oktober 6, 2016 - Permalink -

Als ich mich vom KFC Restaurant, in dem ich das Wifi genutzt habe um den Blog hochzuladen, auf den Weg nach Hause mache, fahre ich ausnahmsweise langsam auf dem Gehweg, weil es schon dunkel wird und ich mein Licht nicht dabei habe. Plötzlich merke ich, wie jemand etwas aus der Bauchtasche nimmt, die ich beim Radfahren immer nach hinten trage! Ich drehe mich schnell um, schaue kurz nach und sehe, dass jemand mein Portemonnaie geklaut hat und ausgerechnet heute steckt darin meine Kreditkarte! Sofort schnappe ich mir den einzigen Typ der hinter mir geht am Schlawittchen - er ist einen Kopf kleiner als ich - und sage ihm, er soll mir meine Brieftasche zurückgeben. Zwei Frauen und ein Mann kommen dazu und ich bitte sie, die Polizei zu rufen. Der Mann sagt mir, er hätte gesehen, wie ein anderer - und deutet auf Leute ein Stück weiter entfernt - mein Portemonnaie genommen hat. Zum Glück schalte ich in dem Moment schnell genug, das kann unmöglich sein, jede andere Person wäre zu weit weg gewesen. Ich habe nur die Chance diesen Typen nicht aus den Augen zu lassen. Er schlägt mir vor, wir könnten zu dem Polizeiauto auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehen. Da immer noch keiner die Polizei gerufen hat, gehe ich mit ihm los. Nach etwa 10 Metern hält er mir auf einmal mein Portemonnaie hin! Ich nehme es entgegen und schnappe ihn mir direkt wieder am Pulli, aber er reißt sich los und rennt in die Nacht davon. Bei dem Straßenverkehr und im Dunkeln habe ich mit meinem Fahrrad keine Chance, die Verfolgung aufzunehmen. Also checke ich meinen Geldbeutel - die rund 20 € Bargeld sind natürlich weg, aber meine Kreditkarte ist noch da! Ausgesprochen erleichtert setze ich meinen Heimweg fort - ohne Kreditkarte hätte meine Reise hier vermutlich ein jähes Ende gefunden.
Am nächsten Morgen breche ich mit dem Gefühl, schon viel zu lange in Ulaanbaatar gewesen zu sein in Richtung Gobiwüste auf. Wenn wir früher zu Hause Siedler gespielt haben, wurde bei uns der Räuber, wenn man ihn in die Wüste versetzt, aus mir unbekannten Gründen immer in die Wüste Gobi versetzt. Hier lasse ich ihn in Ulaanbaatar zurück. Die Erkältung, die auch meine gesamte Gastfamilie flachgelegt hat, setzt mir mehr zu als ich dachte, aber ich habe keine Zeit mehr sie auszukurieren. So komme ich am ersten Tag natürlich nicht besonders weit und schlage frühzeitig mein Zelt auf, um mich auszuruhen. Als ich koche, bemerke ich einen kleinen Laster der sehr lange in einer Parkbucht hält. Komisch, könnte das nicht der Typ sein, den ich nachmittags schon ignoriert habe, als er gehalten hat und mich fragen wollte woher ich komme? Irgendwann steigt er aus und kommt zu meinem Zeltplatz, verdammt. Normalerweise zelte ich erst in der Dämmerung und etwas weiter entfernt von der Straße, aber heute bin ich einfach zu geschwächt. Ich nehme mein Messer in die Hand und gebe mir keine Mühe besonders gesprächig zu sein, als er mich auf Russisch anspricht. Weil er trotzdem nicht aufgibt, unterhalte ich mich kurz beim Kochen mit ihm und baue mein Zelt auf, um mich zum Essen reinzusetzen, es wird jetzt richtig kalt, wenn die Sonne weg ist. Ich packe meine Kochuntensilien zusammen und verabschiede mich, aber er macht immer noch keine Anstalten zu gehen, sondern will mir aus irgendeinem Grund Geld geben. Als mir dämmert WOFÜR er mir Geld geben will, sage ich ihm, dass er jetzt besser nach Hause fährt, oder ich die Polizei rufe. Das funktioniert und er zieht ab. Was für eine Unverschämtheit! Lag ich mit meinem ersten Eindruck heute nachmittag also genau richtig. Eigentlich schade, dass er freiwillig gegangen ist, mir wäre gerade sehr danach gewesen, jemanden zu verprügeln, stellvertretend für den Taschendieb und all die mongolischen Männer, die keinen Respekt vor Frauen haben - nichts gegen die mongolischen Reiter, die waren allesamt hochanständige Leute.
Die nächsten Tage fühle ich mich weiterhin wie vom Pech verfolgt. Das Wetter wird regnerisch und kalt, meine Erkältung beutelt mich immer noch und 3 Tage lang habe ich einen Platten nach dem anderen, bis ich endlich merke, dass ich die Metallnadel, mit der alles begann, beim ersten Flicken vermutlich nur unvollständig entfernt habe. All das lässt mich deutlich langsamer vorankommen als gedacht, und ich beginne mich in Gedanken von dem Plan zu verabschieden, in der Wüste noch einen Abstecher zu einem buddhistischen Kloster zu machen, von dem mir die polnischen Tramper erzählt haben. Als ich aber näher an den fraglichen Abzweig in Sainshand herankomme, werden das Wetter und meine Erkältung endlich besser. Abgesehen von den glitzernden lila Steinchen, die ich eine Zeit lang am Straßenrand finden kann, war die Wüste bisher relativ eintönig, was mich wieder inmal veranlasst zu pokern. Wenn ich es schaffe über 300km in 2 Tagen zu fahren, könnte ich noch den Abstecher zu dem Ort mit dem Kloster und dem rot leuchtenden Sand machen und trotzdem noch rechtzeitig an der Grenze sein. Immer getreu dem chinesischen Sprichwort "Hast du es eilig, so mache einen Umweg" fahre ich am vorletzten Tag meines verlängerten Mongoleivisums ab zu einem etwa 45km von meiner Route entfernten Wüstenort, in dem Wissen, dass ich auch ohne den Abstecher noch 200km von der Grenze entfernt bin. Weil mir selbst auch klar ist, dass das diesmal vermutlich zu hoch gepokert ist, lasse ich mich auf dem Weg von Sainshand in die Wüste so weit wie möglich mitnehmen, aber die so gesparten 25km werden vermutlich nicht ausreichen. Den Rest des Abstechers muss ich am Ende mit dem Rad zurücklegen, hier ist kaum was los auf der Straße. Als ich schließlich über einen weiten Bogen in das Tal hinab zu dem Kloster komme vergesse ich für einen Moment die Zeit. Bei den Gebäuden des Klosters sehe ich keinen Menschen, bis auf ein paar Vögel herrscht hier Stille und die Mittagssonne brennt herab. Bunte Fähnchen verbinden die einzelnen Gebäude, von einem Haus blicken Totenköpfe die Ecken des Daches herab, inmitten des Platzes, der zu einem runden weißen Gebäude mit Goldsäule darauf führt, befindet sich ein leerer Brunnen mit Schwänen. Ich fühle mich wie in einem Film, oder einem Fantasyroman, in dem jemand eine vergessene Wüstenstadt besucht. Die bogenförmige Straße führt weiter hinauf zu einem "energiin els" - vielleicht kann man das mit energetischem Sand bezeichnen. Dort sind tatsächlich 2 französische Touristinnen, der Ort ist aber genauso unwirklich wie das Kloster. Vor dem Platz finde ich einen Würfel mit 2 Eingängen, sodass man hindurchblicken kann. Darauf ist ein großes Auge mit einer Art Schnörkel gemalt. Dahinter führen in einer Reihe aufgestellte Tongefäße zu einem Tisch mit Tonschalen. Weil sich darin Regenwasser gesammelt hat, sitzen einige Tauben und Spatzen darauf, um zu trinken. Hinter dem Tisch widerum ragt der zu erwartende Steinhügel mit blauen Tüchern hervor, von dessen Seiten mir Steinfiguren mit hohlen Augen entgegenblicken. In der Sonne sehen sie aus wie die Waldgeister aus "Mononoke", einem japanischen Zeichentrickfilm. Und hinter diesem Platz finde ich endlich den versprochenen Sand: 5 verschiedene Arten von Wüste kann man hier sehen, unter anderem Sanddünen, von Wasser zerfurchte Berge und Hügel, die so intensiv rot und orange leuchten, dass man sich vorstellen kann, sie könnten die Sonnenenergie gespeichert haben. Ein Stück weiter lausche ich noch kurz einem Schamanen, der in einer Höhle trommelt, bevor mir mein Visum wieder einfällt und ich rasch aufbreche. Lange fahre ich an diesem Tag noch zurück über Sainshand in Richtung Grenze und dope mich mit Kaffee und Cola. Das hilft eine Weile gegen die Müdigkeit, aber nicht gegen die körperliche Erschöpfung, und so gebe ich nachts um halb eins auf.
Am nächsten morgen habe ich somit immer noch 150km bis zur Grenze vor mir und wegen der Nachtfahrt komme ich nicht früh genug aus dem Schlafsack, um das bis nachmittags zu schaffen. Also halte ich beim Fahren den Daumen raus, und ein Mongole im Kleinbus nimmt mich mit. Er ist sehr nett - als ich im Auto sitze sehe ich auf seiner Frontscheibe die Worte "Value" und "Respect". Er hätte mich sogar bis zur Grenze bei Zamiin-Uud mitgenommen, aber ich lasse mich mittags absetzen, weil ich bis nachmittags noch gerne selbst fahren möchte. So habe ich mich die rund 70km Umweg, die ich gestern gefahren bin, hier stattdessen mitnehmen lassen, was ich gerade noch mit meinem Radfahrer-Gewissen vereinbaren kann. So komme ich wie geplant nachmittags um 4 in Zamiin-Uud an und frage erst einmal an der Grenze, wie lange dort geöffnet ist. Wie erwartet lautet die Antwort bis um 6, und wie mir ein sogenannter Bertrand Nohome, ein Radfahrer aus Frankreich, schon erzählt hat, werde ich die Grenze nicht mit dem Rad, sondern nur in irgendeinem Auto passieren können. Also noch genug Zeit bei der Post meine Postkarten abzugeben, die letzten muss ich dort sehr schnell schreiben, weil die Post schon um 5 schließt und es keinen Briefkasten gibt. Danach gebe ich noch mein letztes Geld in einem Minimarkt aus und fahre zurück zur Grenze. Weil beim ersten Kontrollposten keiner protestiert, fahre ich die Straße entlang zum zweiten. Hier heißt es dann plötzlich "No bike" und ich solle zurückfahren und morgen wiederkommen. Ich lasse mich davon nicht abwimmeln und zeige den Grenzsoldaten mein Visum, das nur bis heute geht. Es ist 20 vor 6. Ich schlage vor, dass mich ein Auto mitnehmen könnte und halte den Daumen raus. Und irgendwie geht es dann auf einmal doch. Eine Soldatin  überredet einen älteren Mann in einem klapprigen Geländewagen ohne Beifahrer- und Rücksitz, der an allen Ecken und Enden auseinander zu fallen scheint, mich mitzunehmen. Also alles abpacken und einladen. 100 Meter weiter darf ich mein ganzes Gepäck dann wieder ausladen und einer der Grenzposten hilft mir, alles durch die mongolische Pass- und Gepäckkontrolle zu tragen. Danach kommt alles wieder zurück in den Wagen und wir fahren 100 Meter weiter durch eine Art Autodesinfektionsanlage zum ersten chinesischen Posten. 2 lustige Chinesen werfen einen ersten Blick auf den Pass - sie wollen unbedingt, dass ich "passport" sage, und lade ich mein ganzes Gerümpel aus und wieder auf mein Rad. Jetzt kommt die chinesische Passkontrolle. Als der Beamte nach meinem Mongoleivisum fragt, das sich in dem anderen Pass befindet, führt der Umstand, dass ich zwei bis auf die Visa identische Pässe besitze, natürlich erst einmal dazu, dass ein paar höhergestellte Kollegen dazugerufen werden. Ich versuche unterdessen auf chinesisch zu erklären, warum ich legalerweise zwei Pässe besitze ((:. Und am Ende werde ich auch hier durchgelassen, wieder muss mein Gepäck durch die Röntgenschleuse, und als letzte Person reise ich am 22. September nach China ein. Vielleicht hat alles nur so gut geklappt, weil die Beamten auch hier einmal Feierabend machen möchten. Hinter dem Gebäude der Passkontrolle fahre ich erst einmal durch einen riesigen Plastikregenbogen und dann eine grüne Allee entlang Richtung Zentrum von Erenhot.