Der lange Weg nach ...

Written by Esther on Donnerstag November 3, 2016 - Permalink -

In der Hoffnung, in Shaanxi (nein, kein Schreibfehler, der Huanghe verläuft an der Grenze von Shanxi und Shaanxi) besseren Menschen zu begegnen, ändere ich meine geplante Route nach Xian vollständig und nehme den langen Weg durch die Berge auf mich. Und tatsächlich sind die Leute in dem Nudelrestaurant auf der anderen Flussseite recht nett und unterhalten ich mit mir, und als ich weiterfahre, kommt sogar kurz die Sonne raus, die ich zwei Wochen lang kaum zu Gesicht bekommen habe! Ich lande auf einer kleinen Straße, die sich ein Flusstal hinaufwindet. Sie scheint eine einzige Baustelle zu sein und ist streckenweise immer wieder von dem hellen Schlamm der Berghänge bedeckt, aber dafür gibt es hier kaum LKW-Verkehr. Und als ich mich abends nach einem Zeltplatz umschaue, laden mich die Bewohner eines kleinen Bergdorfes zum Abendessen und übernachten ein - damit hatte ich in China nicht mehr gerechnet. In einem Hof gibt es Lammfleisch aus der inneren Mongolei mit Ingwer und Koriander, aber es setzen sich nicht alle zusammen, sondern manche essen in den Hauseingängen, andere sind in der Küche beschäftigt während ich mich beim Essen mit einer jungen Frau, die genauso alt ist wie ich und 2 Männern unterhalte. Die Dorfbewohner haben hier einen lustigen Dialekt mit vielen "ää"-Lauten , aber immerhin kann ich ein bisschen was verstehen. Übernachten darf ich bei einem alten Ehepaar, deren Haus aus 2 goßen Räumen mit bogenförmigen Eingängen besteht - ein scheinbar typischer Baustil in dieser Gegend, der die Höhlenhäuser imitiert, von denen es immer noch viele bewohnte und leerstehende gibt.
Am nächsten Tag wasche ich erst einmal nodürftig den Schlamm von meinem Rad, der meiner Gangschaltung übel zusetzt. Von jetzt an geht es immer wieder lange Strecken in Flusstälern bergauf und bergab, wodurch ich höchstens 70km am Tag voran komme - sicher auch weil ich mich morgens erst einmal eine Weile überreden muss, den warmen Schlafsack zu verlassen und abends um 6 die Sonne untergeht. Einen sehr freundlichen alten Mann mit leuchtenden Augen, der ein Buch über seine Motorradreise durch China in Jugendtagen geschrieben hat und der gerade mit dem Auto unterwegs ist, treffe ich unterwegs, während die anderen Menschen mich "waiguoren" - Ausländer - nicht besonders freundlich anblicken. Als ich dann schon wieder einen ganzen Tag im Regen durch die Berge fahre und abends schon wieder mein Vorderreifen pfeift, weil er Luft verliert, hat meine Motivation einen ziemlichen Tiefpunkt erreicht und ich nehme mir vor, wenn es am nächsten Tag weiterregnet, den Zug zu nehmen. Am morgen hat es sich aber ausgeregnet und am nächsten Tag fahre ich ausnahmsweise auf einer wenig befahrenen hübschen Straße mit Blumen am Wegrand und Wald und endlich kommt die Sonne einmal richtig raus! Ich vermute meine Mutter, der ich gestern geschrieben habe, sie soll mir Sonne wünschen, hat dafür gebetet! So fahren sich die gefühlten 1000m talaufwärts gleich viel stimmungsvoller. Weit komme ich am abend dann nicht mehr bergab und ernte dafür Nachtfrost. Gut dass man als Radfahrer kein Eis kratzen muss.
Nach der Abfahrt am Morgen, schlendere ich in der nächsten Stadt Huanglong erst einmal über den Markt, um mich endlich mal wieder mit Gemüse zum Kochen einzudecken - die letzte Woche bin ich wegen Regen und Kälte nur Essen gegangen. Als ich zu meine Einkäufe in meinen Taschen verstaue, kommt ein Polizist auf mich zu und will meinen Pass sehen. Ich zeige ihm den Zettel, den ich als Passersatz bekommen habe, und versuche ihm zu erklären, dass mein Pass gerade nach Xi'an geschickt wurde. Er scheint damit nicht zufrieden und versucht mir zu erklären, dass ich mit ihm mitkommen soll, wozu ich überhaupt keine Lust habe! Genug Zeit habe ich in den Bergen und mit schlechtem Wetter verloren. Während sich mit der Zeit eine ganze Menschenansammlung um uns herum bildet, bekomme ich schließlich eine Frau, die English spricht am Telefon zu sprechen, die mir erklärt, dass ich mit der Polizei mitkommen soll und sie mich dann gehen lassen. Na gut - was bleibt mir auch anderes übrig. Also fahre ich mit dem Polizisten aufs Revier, während sein Kollege mein Rad dorthin fährt. Dort stellen mir 2 Frauen und er jede Menge Fragen - unter anderem bestimmt dreimal, warum ich nach China gekommen bin. Ich bin ein bisschen verärgert über die Fragerei,vers uche weiter zu erklären, dass ich mit der Polizei in Taiyuan besprochen habe, dass sie meinen Pass mit dem verlängertem Visum nach Xi'an schicken und packe erst einmal meine Weltkarte mit meiner Reiseroute aus. Ich gehe davon aus, dass der Zettel , den ich an Stelle des Reisepasses bekommen habe, und das Datum 27.10. trägt, während heute schon der 30. ist, ein Problem ist. Als mir die Polizisten einen Zettel mit den Worten "This is a forbidden area..." und irgendwas mit "alien exit" vorlegt, muss ich erst einmal wegen dem Übersetzungsfehler lachen und verstehe, warum die Polizei mich mitnehmen wollte. Auf die Frage, warum dieses Gebiet hier für Ausländer verboten ist, bekomme ich keine Antwort. Von dem was ich gesehen habe, vermute ich es handelt sich um ein Sommerresort für Parteibonzen. Irgendwann scheinen sie dann auch zu begreifen, dass mein Pass mit der Post nach Xi'an geschickt wurde und als ich dann noch meinen 2. Reisepass ohne Chinavisum vorlege, scheinen sie sich damit zufrieden zu geben. Der Polizist will dann noch meine Fotos sehen und besteht darauf, dass ich eines mit Blumen am Straßenrand lösche. Die Frage, ob ich in dieser Gegend Bilder gemacht habe, beantworte ich natürlich mit Nein, aber wie ich im Nachhinein feststelle, hat er es dann doch geschafft, die 4 unspektakulären Landschaftsaufnahmen, die ich gemacht habe, zu löschen, verdammt! Immerhin bleibt mir das Bild von heute Morgen mit dem Frost auf meinen Radtaschen. Am Ende darf ich dann dem Polizeiauto aus der Stadt heraus folgen - Moment, wo sind meine Klamotten geblieben, die ich zum Trocknen auf meiner hinteren Tasche hatte? Ich bestehe noch darauf, dass die Polizisten schauen, wo meine Wäsche geblieben ist, immerhin hatte ich noch alles dabei, als ich in den Ort gefahren bin, aber auch CCTV bringt meine 2 löchrigen Hosen und den Pulli nicht wieder zum Vorschein, und so beschließe ich in Xi'an neue zu kaufen. Immerhin habe ich während der Suchaktion noch nette Leute bei einem Radladen getroffen, die mich mit Flicken und Wasser ausgestattet haben.
Während der nächsten beiden Tage fahre ich schier endlos aus den Bergen in die weite Ebene nach Xi'an hinab und es wird wärmer, die Sonne scheint, und ich bekomme jede Menge Äpfel und Birnen geschenkt und werde sogar von einem Mann, der im Apfelbusiness arbeitet - die Äpfel von Baishui werden mit großen Bannern beworben - zum Essen eingeladen. Das heißt ich esse und er ist die meiste Zeit mit telefonieren oder anderweitig am Smartphone beschäftigt, ich freue mich trotzdem. Vielleicht hätte ich der Höflichkeit halber dreimal ablehnen müssen. Ich lasse mich dann aber auch im Gegenzug mit den Apfelbusinessleuten und den Restaurantbesitzern fotografieren.
Beinahe wäre ich an der Terrakottaarmee vorbeigefahren, die von der kleinen hässlichen Straße, von der aus ich komme, nicht ausgeschildert ist - es scheint vorgesehen zu sein von Xi'an aus über eine Straße, die vermutlich nur als Zufahrt dorthin gebaut wurde, anzureisen. Die Anlage ist riesig. Und zum ersten Mal kommen mir die leisen europäischen Touristen fremd und kalt vor. Vielleicht fange ich nach über einem Monat an, mich langsam an China zu gewöhnen... vielleicht bis auf das ständige Gehupe und das Spucken von Rotz... An diesem Abend fahre ich noch weiter nach Xi'an und finde das Hostel und dort den Pass mit dem um einem Monat verlängertem Visum! Heute ist mein Glückstag (=.