Am Abgrund

Written by Esther on Donnerstag November 3, 2016 - Permalink -

So lange habe ich mich auf meine Fahrt am Huanghe gefreut - endlich hat die ganze Plackerei im verkohlten Shanxi ein Ende! So voller guter Dinge bin ich völlig perplex, als mich ein Mann, der mir heißes Wasser für meine Themoskanne gegeben hat, zum Abschied plötzlich umarmt und meine Brust antatscht. Ich gehe einfach und sage kein Wort mehr. Als ich weiterfahre, überlege ich mir, dass ich ihn hätte ohrfeigen oder anspucken oder beschimpfen sollen, aber wenn etwas zu unerwartet passiert, hat man manchmal einfach nicht die passende Reaktion parat. Am Huanghe, der mit seiner braunen Farbe und Schlammbänken mehr aussieht wie Wattenmeer als ein Fluss, fahre ich weiter nach Süden und ignoriere in einer sehr kleinen Stadt erst einmal das vermutlich zu mir gesagte "mei lu" - "keine Straße" eines Straßenverkäufers. Der Regen der letzten Tage hat offensichtlich jede Menge Schlamm auf die Straße gespült, die nun schmal und kurvig ohne Leitplanke an einem steilen Abhang entlangführt. Sehr langsam und vorsichtig fahre ich in das nächste Dorf, dessen Name Programm ist: "xia... shang" steht auf dem Ortsschild, was soviel wie "runter - rauf" bedeutet. Steil führt der Weg in den Ort, wo es offensichtlich direkt wieder bergab geht, ich kann nur nicht erkennen, wo hier die Straße weiterführt und frage mich durch. Auch diesmal ignoriere ich die Warnung vor einem sehr bergigen, schlechten Weg und will es wenigstens versucht haben, bevor ich umkehre. Vielleicht sollte ich manchmal weniger stur sein, aber hätte ich es dann bis hierher geschafft? Aus dem Weg wird ein Feldweg und aus dem Feldweg ein schmaler Fußpfad, der schließlich an einem Steilhang ein Flusstal hinaufführt. Hier ist mit meinem schwer bepackten Fahrrad nun endgültig Schluss, und mir bleibt nichts anderes übrig, als umzukehren. Während ich zurückschiebe und -fahre halte ich ausschau nach einem Zeltplatz und inspiziere kurz ein altes leerstehendes Gebäude. Beim genaueren Hinehen stelle ich aber fest, dass es sich dabei um einen kleinen alten Tempel handelt - als ich hinter eine der Türen blicke, schaut mich eine grimmige Gottheit mit schwarzem Gesicht an. Also weiter zurück in Richtung Dorf. Ein Ziegenhirte, den ich vorhin schon gesehen habe spricht mich an, und weil ich kein Wort verstehe sage ich wie so oft "tingbudong" - "Ich verstehe nicht". Plötzlich kommt mir der Mann in unverkennbarer Absicht näher - aber diesmal bin ich schneller. Ich schubse ihn sofort ein Stück von mir Weg, um erst einmal wieder einen ordentlichen Abstand herzustellen und krame in meiner Bauchtasche nach meinem Messer, während ich ihn mit meinem tödlichsten Blick im Auge behalte. Er scheint auch ohne Worte verstanden zu haben, dass ich ihm drohe, und droht mir im Gegenzug mit seiner langschaftigen Minischaufel zurück, die er vermutlich benutzt, um seinen Ziegen Beine zu machen. Ohne ihn aus dem Auge zu lassen, schiebe ich mein Rad den schlammigen Weg ein Stück weiter bergauf, während ich, um keinen Zweifel an meiner Absicht zu lassen, noch einmal mit der Hand meine Kehle entlangfahre. Als ich eiligst weiterfahre und seine Ziegen vor meinem Rad hertreibe, merke ich auf einmal, wie immer mehr Luft aus meinem Vorderreifen weicht - NEIN!  Das darf nicht wahr sein! Nie gab es einen ungünstigeren Zeitpunkt für einen Platten. Also schiebe ich weiter zurück auf einen kleinen Platz in dem Dorf, um dort meinen Reifen zu flicken. Es wird langsam dunkel. Der Ziegenhirte kommt hier natürlich wieder vorbei und pöbelt noch einmal lautstark in meine Richtung und ich werfe ihm weiterhin diesen Blick zu, bis er sich verzieht. Als die Anspannung von mir abfällt, beginne ich erst einmal loszuheulen. An diesem Tag bereue ich es zum ersten Mal schwer, alleine unterwegs zu sein. Es geht gar nicht darum, irgend einen Beschützer dabei zu haben, sondern vielmehr, jemanden, der ein wenig Mitleid mit einem hat, wenn mal alles im Eimer ist und es sonst keinen Menschen interessiert. Kurz fragt noch ein Mann, woher ich komme, der dann aber zu ein paar anderen Leuten in ein Auto steigt und wegfährt. Wäre Platz für ein Fahrrad gewesen, hätte ich vermutlich gefragt, ob sie mich mitnehmen. Während ich im Dunkeln meinen Schlauch flicke, aber keine Ursache für den Platten finden kann, überlege ich mir, bei Leuten zu fragen ob ich im Hof zelten darf. Eine alte Frau, die mich vermutlich nicht versteht, macht aber die Tür vor meiner Nase zu und beim nächsten Haus mit Licht macht erst gar keiner auf. Also fahre ich noch weiter an den Ortsrand und zelte direkt am Weg, weil es zu gefährlich wäre, die Straße im Dunkeln zu fahren. Am nächsten Morgen tausche ich erst einmal Felgenband und Schlauch aus, in der Hoffnung damit erst einmal Ruhe vor weiteren Platten zu haben. Wieder regnet es. Ich muss mich sehr überwinden, eine Frau beim Haus gegenüber nach heißem Wasser für meinen Kaffee zu fragen, aber ich bekomme welches, und ein Mann, der mich und mein Zelt begutachtet, und den ich sehr lange, sehr ernst anblicke, will mir auch nur ein paar chinesische Datteln schenken. So fahre ich also die schlechte Straße wieder zurück in die kleine Stadt, die mir an diesem Vormittag nicht halb so gefährlich vorkommt wie gestern. Manchmal sind die menschlichen Abgründe doch schwindelerregender.