Ab in die Mongolei!

Written by Esther on Mittwoch September 14, 2016 - Permalink -

Als ich den ersten mongolischen Grenzposten passiere, nimmt die asphaltierte Straße ein jähes Ende. Ich beobachte gebannt meinen Tacho, ich habe jeden Moment die 10000km erreicht, und bin mir nicht ganz sicher ob er auch die 5. Stelle noch anzeigt, aber tatsächlich, er tut es! Ich erreiche auch noch die Grenzkontrolle, aber weil es schon abend ist wird mein Pass eingesackt, das Fahrrad muss ich dalassen und ich suche mir ein Hotel in dem winzigen Ort, um mich aufzuwärmen, es ist verdammt kalt hier in den Bergen auf 2400m. Das hat dann genau 2 Zimmer: In einem übernachten die 10 Gäste, und in dem anderen wird gekocht. Die 50 Teilnehmer der deutschen Exkursion, denen es an der Grenze genauso ergangen ist wie mir, schlagen tapfer ihre Zelte am Dorfrand auf und werden in Grüppchen auf die "Hotels" - auch auf meines - aufgeteilt, wo sie mit dampfgegarten Fleischtaschen versorgt werden. Nach einer miserablen Nacht, weil ständig irgendein Bett wackelt - und damit die benachbarten auch - darf ich dann auch mit Rad in die Mongolei einreisen. Und gleich als Erstes versucht mir jemand das "Western region protected area entry fee"-ticket auf dem geschrieben steht: "3000 tugrugs per person" ganz aus Versehen für den doppelten Preis zu verkaufen. Nie ist mir in Russland aufgefallen, dass mich jemand bescheißen will, und in den ersten Tagen vermisse ich die direkte Art der Russen, die Sprache und das Gefühl, die Leute einschätzen zu können.
An diesem Tag komme ich nicht weit. Überhaupt waren die letzten Wochen in Russland ziemlich anstrengend und ich beschließe mich erst einmal richtig auszuruhen. Zum dritten Mal holt mich die Studententruppe mit ihren Klapperbussen an einem See ein. Während Einzelne mit ihren Kameras Yaks hinterherpirschen, schließe ich mich zum Baden an. Und als die Schotterpiste dann unerwarteterweise in eine perfekt asphaltierte Straße übergeht, lädt mich ein vorbeifahrender Mongole zum Tee in die Jurte seiner Mutter ein und ich lasse mich überreden, bis zum nächsten Tag zu bleiben. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich hier in einer Jurte - und sie sieht von Innen großartig aus. Sechs Betten mit kunterbunten Decken und Vorhängen und ein Sofa mit Tisch umrunden den Ofen mit Kochstelle in der Mitte der Jurte. Weil die alte Mutter und ihre Tochter, die aus Kasachstan zu Besuch da ist, etwas Russisch sprechen und ihr Sohn Paka ein wenig Englisch, erfahre ich, das die alte Dame 12 Kinder hat und dass sie Kasachen sind. Paka erzählt mir, dass die Mongolei nur 3 Millionen Einwohner hat (davon lebt mehr als die Hälfte in Ulanbaatar), aber 65 Millionen Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde. Er schenkt mir auch eine sehr gute Karte der Mongolei, und empfiehlt mir nach einer kleinen Dikussion mit seinem Bruder, welchen Weg ich am Besten nach Ulaanbaatar nehmen soll. Wie auch der russische Tourenradler rät er mir von der längeren südlichen Route ab. Außerdem gibt er mir den Tipp, in der Nähe von Jurten zu zelten, wenn ich die Begegnung mit Wölfen vermeiden möchte. Den ersten Teil der Nordroute soll ich aber mit einem Bogen nach Süden umgehen, weil es im Norden ein Problem mit den Flüssen gibt. Als ich abends mit ihm seine Kumpels beim Sensen besuche, lerne ich, dass die Leute hier den Zaun um das Gras statt die Tiere bauen, um die Schafe im Winter versorgen zu können. Später gibt es dann noch Fleisch, als Abschiedsessen für die Tochter aus Kasachstan, die am nächsten Tag abreist. So versammelt sich die ganze Familie mit Kindern um den kleinen Tisch, und zwei der Männer beginnen mit großen Messern Fleischstücke von einem Schafskopf und den Knochen abzuschneiden. Alles landet auf einer großen Platte mit allen möglichen undefinierbaren Innereien, von der sich mit der Hand nimmt. Ich probiere mich tapfer durch, nur etwas Verdrehtes, das aussieht wie ein Stück Darm, vermeide ich. Am nächsten Morgen schenken wir uns gegenseitig noch etwas Proviant, und als mich die alte Dame nach Shampoo fragt, packe ich meine restlichen Cremepröbchen aus. Als sie dann auch noch nach meinem Halstuch und der Mütze, die mir meine Schwester und meine Eltern geschenkt haben, fragt, befinde ich, dass es Zeit ist aufzubrechen. Vor meiner Abfahrt, gerade als ich nach ihrer Adresse für eine Postkarte fragen will, notiert die alte Frau stattdessen den Geldbetrag, um den sie mich für Tee und Essen bittet. Ich denke mir, wenn sie es nötig haben danach zu fragen, gebe ich ihnen die umgerechnet 5 €. Dafür gibt es dann keine Postkarte aus Taiwan. Geld oder Liebe^^.
Über einen 2500m Pass fahre ich weiter nach Bayan Ulgii. Als ich oben auf dem Pass kurz Pause mache, gewittert es hinter mir in der Ferne und die Berge werden auf einmal so weiß... es schneit! Zügig fahre ich weiter in die Stadt, wo ich spät nachmittags mit einem Gewitter eintreffe und mir schnell ein Hotel suche. Einen Tag verbringe ich hier in Restaurants mit Free Wifi, verschicke ein Paket nach Deutschland und verschenke meinen russischen Autoatlas, um Gewicht loszuwerden, bevor ich auf staubigen und steinigen Pisten in das große Abenteuer aufbreche.