9-Himmel-Gebirge

Written by Esther on Donnerstag November 24, 2016 - Permalink -

In Xi'an gehe ich noch 2 Tage den üblichen Touristenhighlights wie eine neue Regenjacke kaufen und einen Radladen besichtigen nach. In dem Fahrradgeschäft begegne ich dem bisher einzigen Reiseradler in China - der auch noch sein Rad auf den gleichen Namen getauft hat wie ich! Skandal! Der Niederländer scheint von Beidem kaum beeindruckt - wie die meisten Radfahrer ist er über den Pamirhighway nach China gefahren und da gibt es eine WhatsApp-Gruppe von rund hundert Leuten, die diese Strecke fahren. Auch hält er es für nicht besonders ungewöhnlich, sein Fahrrad nach dem Pferd von Don Quichote zu benennen - man lernt nie aus. Aber er wusste auch nicht, dass es ebenso der Name des schrottigen, faulen Pferdes von Donald Duck ist^^. Nachdem ich es dann Dank der Hostelangestellten auch noch geschafft habe, herauszufinden, wie ich in 2 Wochen nach Hongkong komme, obwohl es nach der Auskunft an den lärmenden überlaufenen Ticketschaltern angeblich keinen Zug nach Hongkong gibt, kann ich mit gutem Gewissen wieder in die Berge aufbrechen. Weil ich schon damit gerechnet habe, wieder nicht besonders schnell voranzukommen, habe ich mir die Möglichkeit offengelassen, 3 Tagesetappen weniger weit als geplant zu kommen und schon von dort einen Zug zu nehmen. Einmal muss ich aus China aus- und wieder einreisen, damit ich noch einmal 30 Tage Chinavisum bekomme. Leider wusste ich nicht, dass wenn ich ein Visum zur doppelten Einreise beantrage, das bedeutet, dass ich einmal ausreisen MUSS, um 90 Tage in China bleiben zu können - das Polizeibüro in Taiyuan hat mich aufgeklärt. Und ich hatte keine Ahnung WIE bergig China sein kann...
Von Xi'an aus geht es erst einmal 1000m hoch auf einen Pass. Aber strahlender Sonnenschein, ein Gebirgsfluss mit ausnahmsweise klarem Wasser und eine riesige dreiköpfige Buddhastatue bei einem Kloster im Tal machen daraus eine Traumstrecke - finden wohl auch die Mountainbiker aus Xi'an, die das gute Wetter für eine Tagestour nutzen und von denen zwei mit mir am 2. Tag zusammen den Pass hinauffahren. Sie bestehen beide darauf, ein kleines Stück mein schweres Tourenrad zu fahren und Mengben schiebt mich am Ende bei den steilsten Passagen und Gegenwind noch mit an. Als wir die Serpentinen bezwungen haben, laden mich die beiden dann auch noch zum Essen ein, bevor jeder von uns in eine andere Richtung weiterfährt. Sie hatten vollkommen Recht damit, dass ich es brauche, viel zu essen, denn den restlichen Nachmittag fahre ich dann noch einen zweiten Pass hinauf, bis ich erschöpft aufzelte.
Der erhoffte Ausblick bei meiner Abfahrt am nächsten Morgen versinkt leider in dichtestem Nebel, der mal wieder in Dauernieselregen übergeht - pfui! Aber halb so wild, dafür fahre ich eine relativ flache Strecke an einem Fluss entlang und komme gut voran - bis auf einmal die Straße gesperrt ist! Scherzkekse, und wie soll ich jetzt in die nächste Stadt Ankang kommen? Auf meiner Karte gibt es keine Alternativstraß außer der Autobahn. Oft liebäugel ich damit, auf so einer Autobahn zu fahren, wenn die Nebenstraße mal wieder eine einzige Berg- und Talfahrt ist, während die Autobahn scheinbar nur aus Tunneln und Brücken zu bestehen scheint und kerzengerade durch eine Berglandschaft führt. Ich vermute in 2000 Jahren kommen Touristen nach China um chinesische Autobahnen zu besichtigen... ((:. Die Arbeiter bei der Absperrung erklären mir, wo ich weiterfahren kann, aber weil ich mir schon denken kann, dass jeder andere Weg durch die Berge führen wird, versuche ich sie noch eine Weile erfolglos zu überreden, mich mit meinem Rad durchzulassen. Bumm. Und dann sehe ich die Staubwolke einer Sprengung am Hang. Ok, es gibt dann manchmal doch Argumente die mich überzeugen^^. Und so fahre ich ab auf eine kleine Straße, die anfangs ganz nett ein Tal mit kleinen Bauerndörfern hinaufführt wo einfach alles zu wachsen scheint - es gibt hier zum ersten Mal Palmen und Bambus neben Nadelbäumen und auf speziell gelagerten Baumstämmen werden Pilze gezüchtet. Aber wie der kleine Bach im Tal wird der Weg immer steiler. Irgendwann stehe ich nach einer Kurve plötzlich staunend vor einem mit Bäumen bewachsenen Hügel, der er einziger Wasserfall ist und danach wird der Weg so steil, dass ich immer öfter Verschnaufpausen einlegen muss und am Abend die letzten 200m schiebe. Die neugierigen Dorfbewohner, auf deren Gemüseterasse ich campe, kommen mich bei meinem Zelt besuchen und laden mich zum Übernachten und Essen ein. Weil ich aber keine Lust habe morgen mein Rad nochmal hier raufzuschieben, komme ich nur kurz zum Essen mit - das heißt sie gießen mir kurzerhand eine Fertignudelsuppe mit heißem Wasser auf, weil sie schon gegessen haben. Als ich aufgeschlürft habe, und die Verpackung einer Frau zurückgebe, weil gerade kein Mülleimer in Sicht ist, wirft sie sie auf einmal in weitem Bogen den Abhang hinunter! Neein! Auf mein Entsetzen antwortet sie mir, dass es ja kein Problem sei, der Fluss spült den Müll ja weg... ! Es bleibt nicht das einzige Mal, dass ich mitansehen muss, wie die Leute ihren Müll einfach in Flüsse oder der Landschaft entsorgen oder auf offener Straße mit beißendem Gestank verbrennen. Es ist mir unbegreiflich, wie so talentierte Gärtner scheinbar so wenig Bezug zur Natur haben.
Am nächsten Morgen geht es genauso steil weiter, wie der Weg am Abend aufgehört hat - zu steil als dass ich mich mit meinem schweren Gepäck länger als 100m am Stück hochkämpfen kann - und so schiebe ich die letzten 3km hinauf bis zur Spitze. Unterdessen schwöre ich mir, nie wieder eine andere Straße steil zu nennen und frage mich, wie die Alternativstrecke ausgesehen hätte - Leute hatten mir erzählt dieser Weg sei zwar ein Stück lang nicht asphaltiert, aber dafür weniger bergig...^^ Der furchtbar matschige Feldweg beginnt dann auch direkt, als es endlich bergab geht, und weil er wegen des tiefen Schlamms nicht fahrbar ist, darf ich dann auch noch 3km bergab schieben. Ein Glück dass es heute nicht regnet, sonst wäre auch das unmöglich geworden. Danach freue ich mich über die Abfahrt und eine flache Strecke, bis ich an einem Abzweig nach dem Weg frage, und aus mir unbekanntem Grund entgegen meiner Beschreibung wieder in die Berge geschickt werde. Während ich an diesem Tag nochmal etwa 700m auf einen Pass hochstrample, beginne ich langsam zu verzweifeln. Die Straßensperrung hat mich bereits 2 Tage gekostet und immer noch sind nichts als Berge in Sicht! In der Abenddämmerung beginnt es zu regnen als ich die lange Abfahrt beginne, aber ich fahre weiter und erreiche irgendwann im Dunkeln dann doch noch die Stadt, wo ich mir das erstbeste günstige Hotel suche. Eine nette Frau im Teddybärenschlafanzug winkt mich in den 3. Stock hinauf, wo die Rezeption gleichzeitig das Schlafzimmer ihrer Familie ist (%. Nach Ankang geht es dann wieder flusstalaufwärts entlang wolkenumwaberter Bergformationen. In den Dörfern tragen Opas ihre Enkelsöhne und Frauen ihre Körbe Huckepack durch die Straßen und Minitransporter mit Jinglebellsmusik oder der Ansage: "Kauf ein Huhn!" überholen mich. Nach all der Kraxelei erscheint mir der 2000er Serpentinenpass mit einer anständigen maximal 10%-Steigung, den ich mir als nächstes vornehme, nur halb so wild. Zudem habe ich Traumwetter. Während es vor Kurzem hier oben offensichtlich geschneit haben muss, genieße ich bei warmen 15°C gewaltige Ausblicke auf die Berge. 30km lang geht es danach rasant bergab und ich freue mich auf eine flachere Strecke entlang kleinerer Flüsse an den Jangtse. Da meine Straßenkarte kein Höhenprofil hat, schätze ich immer anhand der Flussläufe ab, welche Straße mehr oder weniger bergig ist. Was ich dabei nicht bedacht habe ist, dass die Karte ebenso nicht zeigt, wo Flüsse gestaut sind und dass dort die Straßen grundlegend anders verlaufen...